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«Spielregeln barocker Prosa»

Historische Konzepte und theoriefähige Texturen ‘ungebundener Rede’ in der Literatur des 17. Jahrhunderts

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Edited By Thomas Althaus and Nicola Kaminski

Mit Martin Opitz’ Buch von der Deutschen Poeterey (1624) tritt, als hätte es dieses Signals nur bedurft, eine deutschsprachige Kunstdichtung auf den literaturgeschichtlichen Plan, die sich sogleich vielfältig ausfächert. Als ‘gebundene Rede’, in Versen verfaßte Dichtung, erscheint sie dennoch durch eine gemeinsame Signatur zur einheitlichen Bewegung formiert. Was aber ist mit der barocken Prosa? Sie entwickelt sich parallel, in der literarisch wie theoretisch organisierten Ausschlußsphäre, dies aber keineswegs bloß in Gebrauchs- und Repräsentationstexten, sondern gerade auch im Bereich der Fiktion.
Die vorliegenden Beiträge widmen sich aus unterschiedlichen Perspektiven und von unterschiedlichen Textszenarien aus vorsichtig konzeptualisierend diesem Befund, für den es keine tragfähigen Beschreibungssysteme gibt. Sie sind auf der Suche nach Kriterien, die das (scheinbar) unmarkierte Andere der «Poeterey» begrifflich fassen können, und zeichnen in paradigmatischen Momentaufnahmen nach, wie innerhalb des poetologischen Diskurses sich die Hierarchien verschieben: vom anfänglichen Ausschluß der Prosa aus den Poetiken bis hin zur Usurpation der Poetiken durch die Prosa.
Der Band dokumentiert die von den Herausgebern im September 2009 an der Ruhr-Universität Bochum veranstaltete Tagung «Spielregeln barocker Prosa».

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CHRISTIAN MEIERHOFER – Erzählen und Wiedererzählen. Zur Verfahrensweise des Barockromans 23

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CHRISTIAN MEIERHOFER (Bonn) Erzählen und Wiedererzählen. Zur Verfahrensweise des Barockromans 1645 erscheint mit Philipp von Zesens Adriatischer Rosemund eine „keusche libes-beschreibung“,1 die jedoch keine Übersetzung aus dem Spanischen, Französischen oder Italienischen ist, sondern mitten im 17. Jahrhundert beginnt, eine deutsche Entwicklungslinie der Roman- prosa zu ziehen. Zesen begründet diese Unternehmung in der Vorrede mit einer sprachpatriotischen Haltung und geht damit über die Intentio- nen einer bloßen Übertragung hinaus, wie sie Martin Opitz etwa mit seiner deutschen Fassung von Barclays Argenis (1626) vorgenommen hatte. Sein Verleger David Müller ist sich gewiss, dass dieser Roman „in Lateinischer Sprach nirgends anzutreffen seyn wirdt“, und beabsich- tigt darum, „solch herrlich Buch die Argenidem auff mein Vnkosten Herrn Martinvm Opitivm verdeutschen/ vnd in offentlichem Druck auß- gehen zu lassen.“2 Zesen hingegen ist es um eine genuin deutsche Sprachkultur zu tun, deren erster Gradmesser sein Roman sein soll: Drüm/ weil allen dingen ein rüchtiges zihl sol gesäzt sein/ und unsere sprache durch solche lihbliche/ und den ohren und augen an-nähmliche sachchen bäster mahssen kan erhoben und ausgearbeitet wärden; so halt’ ich daführ/ daß es wohl das bäste wäre/ wan man was eignes schribe/ und der fremden sprachen bücher nicht so gahr häuffig verdeutschte/ sonderlich/ weil in den meisten weder kraft noch saft ist/ und nuhr ein weit-schweiffiges/ unabgemässenes geplauder in sich halten. (AR Vorrede, 10) Damit kommt Zesen dem Anspruch nach, das Deutsche als einheitliche...

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