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Dissoziative Anfälle

Studie über ein hysterisches Symptom

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Matthias Schmutz

Die freudsche Hysterie gilt heute weithin als obsolet und die berühmten Fallgeschichten über die damaligen Hysterikerinnen werden gerne als Ausdruck einer zeitbedingten Überspanntheit interpretiert. Am Beispiel der dissoziativen Anfälle weist der Autor jedoch nach, dass die ehemaligen hysterischen Symptome – aktuell als Konversions- und dissoziative Störungen benannt – nach wie vor auftreten und eine große klinische Herausforderung darstellen. Die involvierten Disziplinen der Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie tun sich schwer mit Diagnose und Therapie. Historisch fundiert und gleichzeitig mit hohem Praxisbezug referiert der Autor die wichtigen theoretischen Entwicklungen aus Psychoanalyse und Psychosomatik sowie die aktuelle Forschungspraxis.
Die Prognose bei dissoziativen Anfällen ist vergleichsweise schlecht, die Rate sozialmedizinischer Komplikationen hoch. Eine empirische, prospektiv durchgeführte Untersuchung über verlaufsprädiktive Faktoren zeigt, dass psychodynamische und persönlichkeitspsychologische Merkmale einen bedeutsamen Erklärungswert aufweisen und für die Therapiegestaltung relevant sind.

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2 Dissoziative Anfälle in zeitgenössischer neurologischer und neuropsychiatrischer Forschungsperspektive 103

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103 2 Dissoziative Anfälle in zeitgenössischer neurologischer und neuropsychiatrischer Forschungsperspektive 2.1 Einleitende Bemerkungen Parallel zum Bedeutungsverlust der Hysterie im psychiatrischen Fach- gebiet und den dargestellten diagnostischen De- und Rekonst ruk ti o- nen im Verlaufe des 20. Jahrhunderts lässt sich eine anhaltende neuro- logische Beschäftigung mit dissoziativen Anfällen nach weisen. Die kli ni sche Einführung des kombinierten Video-EEG-Monitorings An- fang der 1970er-Jahre hat zu deutlich verbesserten Möglichkeiten der An falls-Differentialdiagnostik geführt. Mittlerweile ist denn auch schon eine fast unübersichtlich große Zahl von Original- und Über- blicks arbeiten zum Thema publiziert worden. Passend zur Prove nienz der Forschenden finden sich diese Arbeiten schwerpunktmäßig in neu- ro logischen Fachzeitschriften. Terminologisch ist hier in aller Regel nicht von dissoziativen An- fällen, sondern meistens von «psychogenen nicht-epileptischen» oder «pseudo-epileptischen», zuweilen auch von «funktionellen» oder «un- echten» Anfällen die Rede. Zusätzlich werden im anglo-amerikanischen Sprachraum auch die Begriffe «non-epileptic attack disorder», «pseudo- seizures», «psychogenic pseudoseizures» und «non-epileptic seizures of non-organic origin» weitgehend synonym verwendet (vgl. hierzu die kritische Diskussion z. B. bei Betts, 1997, p. 2102). Über die teilweise sublim entwertende, anti-psychische und pejo- rative Konnotation hinaus verweist diese Begrifflichkeit deutlich auf den diskursiven Rahmen, innerhalb dessen hier nachgedacht und ge- forscht wird: Referenzpunkt bilden die epileptischen Anfälle, Domäne 104 der Neurologie und besonders der Epileptologie. Dissoziative Anfälle erscheinen in dieser Per spek tive primär als Nicht- oder Pseudo- Phänomene, als nicht-epi lep ti sche oder...

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