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Dissoziative Anfälle

Studie über ein hysterisches Symptom

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Matthias Schmutz

Die freudsche Hysterie gilt heute weithin als obsolet und die berühmten Fallgeschichten über die damaligen Hysterikerinnen werden gerne als Ausdruck einer zeitbedingten Überspanntheit interpretiert. Am Beispiel der dissoziativen Anfälle weist der Autor jedoch nach, dass die ehemaligen hysterischen Symptome – aktuell als Konversions- und dissoziative Störungen benannt – nach wie vor auftreten und eine große klinische Herausforderung darstellen. Die involvierten Disziplinen der Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie tun sich schwer mit Diagnose und Therapie. Historisch fundiert und gleichzeitig mit hohem Praxisbezug referiert der Autor die wichtigen theoretischen Entwicklungen aus Psychoanalyse und Psychosomatik sowie die aktuelle Forschungspraxis.
Die Prognose bei dissoziativen Anfällen ist vergleichsweise schlecht, die Rate sozialmedizinischer Komplikationen hoch. Eine empirische, prospektiv durchgeführte Untersuchung über verlaufsprädiktive Faktoren zeigt, dass psychodynamische und persönlichkeitspsychologische Merkmale einen bedeutsamen Erklärungswert aufweisen und für die Therapiegestaltung relevant sind.

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5 Diskussion 229

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229 5 Diskussion 5.1 Rekapitulation und Erläuterung der empirischen Befunde Die zwischen 2004 und 2009 am Schweizerischen Epilepsie-Zentrum rekrutierte und untersuchte Stichprobe von 50 PatientInnen mit disso- ziativen Anfällen darf als hinreichend repräsentativ gelten. Sie ist mit anderen in der Literatur beschriebenen Kollektiven aus spezialisier ten neurologischen Tertiär-Zentren vergleichbar. Im Gegen satz zur so ge- nannten Grundversorgung sind spezialisierte Tertiär-Zen t ren definiti- ons gemäß in überdurchschnittlicher Weise mit komplexen und chroni- fizierten Erkrankungsfällen befasst. Es ist deshalb davon auszugehen, dass in der Stichprobe solche Fälle leichtgradig übervertreten sind. Der Frauenanteil in der Stichprobe beträgt gut 80%. Auch dieser Be- fund steht in Über einstimmung mit den in der Literatur genannten Zah len, darf also als repräsentativ gelten. Der überproportionale Frau- en anteil bei hysterischen Leiden ist eine ebenso interessante wie viel- schich tige Frage und lässt sich mit Sicherheit nicht nur innerhalb ei- nes medizinisch-psycholo gischen Diskurses klären. Das Thema steht in dieser Untersuchung nicht im Zentrum und kann daher an dieser Stelle nicht vertieft werden. Einige wenige Hinweise ohne Anspruch auf Voll ständigkeit mögen daher genügen. Ohne Zweifel darf die Hysterie als diejenige unter allen psychi- schen Erkrankungen gelten, bei der das sich gegenseitig beeinflussende Wechselspiel mit sozio-kulturellen und ge sell schaftlichen Gege ben- heiten am offenkundigsten ist. Im historischen Abriss in Kapitel 1 sind einige wenige dieser mannigfaltigen Aspekte zur Sprache gekommen. 230 Es liegt auf der Hand, dass auch bei...

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