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Wenn Saturn seine Kinder frisst

Kinderhexenprozesse und ihre Bedeutung als Krisenindikator

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Nicole Janine Bettlé

Während rund vier Jahrhunderten verfolgten geistliche und weltliche Gerichte angebliche Hexen, unter aktiver Mitwirkung der Bevölkerung. Aber nicht nur Erwachsenen machte man vom 15. bis ins frühe 18. Jahrhundert den Prozess. Auch zahlreiche Kinder, deren genaue Anzahl von der Wissenschaft bisher nicht ermittelt worden ist, wurden wegen Zauberei- und Hexereidelikten angeklagt und hingerichtet. Über vierhundert dieser Fälle werden in dieser Untersuchung erstmals zusammenfassend dargestellt und einer detaillierten Analyse unterzogen. Dabei stehen die Strafverfahren der Schweizer Hexenkinder, die nach langer Tabuisierung auf diese Weise Eingang in die moderne Forschung finden, im Mittelpunkt der Untersuchung. Unter Einbezug von Kultur- und Mentalitätsgeschichte der damaligen Zeit wird am Beispiel der «Hexenkinder» folgenden Fragen nachgegangen: Unter welchen soziokulturellen, demografischen sowie ökonomischen Bedingungen bzw. aufgrund welcher religiösen und rechtspolitischen Vorbilder ist eine Gesellschaft bereit, Angehörige der Nachfolgegeneration zu opfern? Und welche Mechanismen bestimmen ursächlich dieses Verhalten, das epochenübergreifend in Erscheinung tritt, obwohl es doch den Prinzipien der Menschlichkeit widerspricht und zudem die Erhaltung der Art gefährdet?

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Einleitung - 15

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15 Einleitung Zauberwesen und Zauberei beflügeln seit jeher die menschliche Phan- tasie. Denn mit ihnen verbindet der Mensch die Auffassung von der abso- luten Macht über die wahrnehmbaren Dinge. Althergebrachtes Gedan- kengut überliefert aber immer mehrere Vorstellungen. Auch das Bild der historischen Hexenkinder (Kinderhexen) geht auf verschiedene Vorläufer zurück. Die Literatur- und Filmwissenschaften haben die herkömmlichen Anschauungen von „magischen Kindern“ bereits sehr früh für sich ent- deckt und gewinnbringend vermarktet. Nicht wenige Spielfilme und Bü- cher über Kinderhexen haben international Geschichte geschrieben. Abb. 1: Filmszene aus „The Wizard of Oz“ (1939). Das Kind beispielsweise, das von übersinnlichen Wesen mit Zauberkräf- ten ausgestattet wird und den Kampf mit dem Bösen aufnimmt, fand bereits 1939 im „Zauberer von Oz“ (The Wizard of Oz) eine künstlerische Aus- formung (Abb. 1). Die Geschichte von der jungen Dorothy Gale, einem 16 Mädchen aus Kansas, das während eines Sturms samt Hütte und Hund Toto in einem Zauberreich – oder besser gesagt, auf der Bösen Hexe des Ostens – landet, erschien bereits 1900 als Kinderbuch (Lyman Frank Baum). Gespielt wird Dorothy vom damaligen Jugendfilmstar Judy Gar- land, die sich gemeinsam mit einer Vogelscheuche, einem Blechmann, einem Löwen und mit Hilfe der Guten Hexe aus dem Norden aufmacht, um die Böse Hexe des Westens zu vernichten und einen Weg nach Hause zu finden. Das beliebte Motiv vom Kind, das vom Bösen besessen wird, fand wiederum 1973 im US-amerikanischen Horrorfilm „Der Exorzist“ (The Exorcist)...

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