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Die Poesie der Zeichensetzung

Studien zur Stilistik der Interpunktion

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Alexander Nebrig and Carlos Spoerhase

Satzzeichen sind für Literatur konstitutiv, moderne Schriftlichkeit ohne sie undenkbar. Dennoch spielen die Zeichen, die zwischen den Wörtern stehen, in der literaturwissenschaftlichen Praxis nahezu keine Rolle. Von berühmten Beispielen wie Heinrich von Kleists Gedankenstrich in der «Marquise von O...» abgesehen, hat der virtuose Gebrauch von Satzzeichen, der sich bei großen Autoren der deutschen Literatur beobachten lässt, bisher keine angemessene stilistische Aufmerksamkeit gefunden.
Dem vorliegenden Band geht es um eine literatur- und kulturhistorische, aber auch stilistische Rekonstruktion der vielfältigen Formen und Funktionen der Satzzeichenverwendung und -wahrnehmung. Die Beiträge entwerfen eine differentielle Beschreibung der Verwendung von Satzzeichen in Bezugstexten unterschiedlicher literarischer Epochen, Strömungen und Autoren. Ergänzt werden die 16 Originalbeiträge durch drei klassische Studien der Interpunktionsstilistik von Theodor W. Adorno, Hans-Georg Gadamer und Jürgen Stenzel.

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II. Studien 87

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II. Studien LUTZ DANNEBERG Das perforierte Gewand: Geschichte und hermeneutische Funktion von dictinctiones, partitiones und divisiones Texte sind als Lesetexte immer auch Sehtexte, deren Gesicht aus mehr als nur wortsprachlichen Zeichen besteht – und gemeint ist das nicht (allein) in dem Sinn, dass seit dem 11. Jahrhundert videre als synonym für Lesen verwendet wurde: Der sichtbare Text – mag es sich um ein Manuskript oder um einen Druck handeln – ist kein kontinuierlicher. Zwischen den Wörtern und zwischen den Sätzen finden sich Leerzeichen und Inter- punktionszeichen (cola, commata); Verse werden durch weiße Flächen zu Abschnitten gruppiert; Prosa wird durch weiße Flächen in Absätze (Paragraphen) untergliedert; die Manuskriptseiten oder Druckseiten von Bibeltexten und antiken Klassikern werden von Herausgebern durch Versnummerierungen oder Buchstabengliederungen gleichmäßig unter- teilt. Durch Initialen, Spalten, Kapitelunterteilungen und Zahlenordnun- gen wird die kontinuierliche Schrift auf der Seite sichtbar unterbrochen und in Abschnitte zerlegt. Sind diese Unterteilungen der Seite in Ab- schnitte und Absätze sinntragend? Verändern sie unseren hermeneu- tischen Umgang mit dem Gegenstand? Zerstören diese Perforierungen des kontinuierlichen Textes, so eine Befürchtung, nicht das ursprünglich „nahtlose“ Textgewand? Wie diese Fragen von der Antike bis zur Frü- hen Neuzeit beleuchtet wurden, soll hier in wenigen Aspekten geschil- dert werden. Die folgenden sechs Kapitel untersuchen Versunterteilun- gen (I.), Absätze und Abschnitte (II.), Abteilungen in Eigenes und Fremdes (III.), Zahlengruppen, Spalten, Kapitelunterteilungen (IV.), Lektüre-Un- terbrechungen (V.) und schließlich das für diesen Aufsatz titelgebende perforierte Gewand (VI...

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