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Carl Sternheim: Revolution der Sprache in Drama und Erzählwerk

Beiträge zur Polnisch-Deutschen Carl Sternheim-Tagung (Olsztyn, Dezember 2009)

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Edited By Claus Zittel and Ursula Paintner

Seit langem überfällig sind Neulektüren des Werkes von Carl Sternheim, die sowohl seine klassischen Texte unter veränderten Rezeptionsbedingungen neu erschließen als auch jenseits der ausgetretenen Pfade Werke in den Blick nehmen, die bislang kaum beachtet wurden. Insbesondere seine sträflich vernachlässigte Prosa und die wenigen Urteile, die seitens der Forschung über sie gefällt wurden, bedürfen einer grundlegenden Revision. Diesem Ziel war die im Jahre 2009 im Rahmen einer germanistischen Institutspartnerschaft zwischen der FU Berlin und der UWM Olsztyn in Olsztyn durchgeführte internationale Carl-Sternheim-Konferenz gewidmet. Dieser Band versammelt die Beiträge zu dieser Tagung und versucht jenseits der tradierten Deutungsfolien zu einer ästhetischen Neubewertung des Sternheimschen Gesamtwerks zu gelangen, die sich weniger auf weltanschauliche Kritik, sondern stärker auf Analysen der konkreten literarischen Darstellungsformen stützt. Sternheims Dramen- wie Prosawerk wird vor dem Hintergrund der ästhetischen Debatten seiner Zeit beleuchtet und in seinem avantgardistischen Anspruch ernst genommen. Hinzu kommen Studien zur Rezeptionsgeschichte und dem zeithistorischen Kontext.

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Prosa 51

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Prosa Expressionistische Sprachgestalten und Körperbilder in Carl Sternheims Erzählprosa Imelda Rohrbacher In seiner Erzählsammlung Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn schickt Carl Sternheim seinem Protagonisten Christof Busekow einen bösen Traum: Er träumte, in leerem Raum ständen sie sich gegenüber, nackt. Wie ihre Augen sich sengend ihm ins Gesicht bohrten, war er gezwungen, sie anzusehen. Einen schauerlichen Leib erblickte er, wie Stöcke die Beine, von Hautrunzeln bedeckt. Erbärmlich das übrige. Nirgends aber war noch der leiseste, hüllende Flaum zu erspähen, und der Kopf glich einer polierten Kugel. Mit ausgestreckter Hand, die wie eine Kastagnette knackte, klopfte sie abwechselnd gegen sein gepolstertes Bäuchchen, den Schädel und krächzte dazu: Heuwanst, Heukopf! Und alsbald begann er aus der Öffnung seines Mundes Stroh zu speien, bündelweis, ohne Aufhören meterweis. Sie lächelte giftig dazu, klopfte und knatterte: Heukopf, Heuwanst, Heukopf! In Schweiß gebadet erwachte er […]1 Der Nachtmahr des Polizisten Busekow entwickelt ein Szenario, dessen Durchsetzung mit absurden Elementen leicht dem Traumgeschehen zugeord- net werden könnte. Diese bestehen aber nicht nur im grotesken Verhalten der Figuren, Busekows und seiner Frau, und im Bild des Strohspeiens, sondern absurd ist auch das Raum-Geschehen, das hier entworfen wird. In den „lee- re[n] Raum“ des Beginns werden die Figuren gleichsam als geometrische Körper gestellt und miteinander verknüpft, in Höhe der Augen verläuft eine Blickachse, die sie „sengend“ verbindet; diese Intensivierung des bohrenden Blicks deutet die gefährliche...

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