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Simpliciana

Schriften der Grimmelshausen-Gesellschaft- XXXVI. Jahrgang / 2014

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Edited By Peter Heßelmann

Den Schwerpunkt dieses Bandes der Simpliciana bilden vierzehn Vorträge, die während einer Tagung mit dem Rahmenthema «Chiffrieren und Dechiffrieren in Grimmelshausens Werk und in der Literatur der Frühen Neuzeit» Mitte Juni 2014 in Gelnhausen gehalten wurden. Fünf weitere Studien ergänzen unser neues Jahrbuch. Die Rubrik «Rezensionen und Hinweise auf Bücher» bietet wie gewohnt einige Besprechungen von Neuerscheinungen zum simplicianischen Erzähler und zur Literatur- und Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit.
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Vexierbild von Ordnung und Unordnung. Grimmelshausens Baldanders in W. G. Sebalds Die Ringe des Saturn: Martin Wagner

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MARTIN WAGNER (Seoul)

Vexierbild von Ordnung und Unordnung. Grimmelshausens Baldanders in W. G. Sebalds Die Ringe des Saturn

In W. G. Sebalds postmodernem Roman Die Ringe des Saturn. Eine englische Wallfahrt (1995) findet sich eine formal wie inhaltlich höchst bemerkenswerte Bezugnahme auf die Baldanders-Figur aus der Continuatio des abentheurlichen Simplicissimi von Grimmelshausen.1 Bemerkenswert ist hierbei nicht das Auftreten von Baldanders an sich, denn der in der Tradition des antiken Gottes Proteus stehende Verwandlungskünstler erfreut sich in den letzten Jahrzehnten einiger Beliebtheit.2 Noch ist die Tatsache, dass sich unter den unzähligen literarischen Bezügen in Sebalds Werk auch ein Grimmelshausen-Zitat findet, so außergewöhn ← 351 | 352 → lich.3 Wodurch das Zitat der Baldanders-Episode in Die Ringe des Saturn hingegen hervorsticht, ist, in formaler Hinsicht, die fotografische Reproduktion, die Sebald in seine Diskussion der Baldanders-Episode einfügt (Abb. 1). Denn diese Reproduktion, die Baldanders’ Rätseltext zeigt, ist, unter den vielen Abbildungen in Sebalds Werk, die einzige aus einem literarischen Text. Inhaltlich bemerkenswert ist das Grimmelshausen-Zitat dadurch, dass Baldanders bei Sebald, im Unterschied zur sonst üblichen Darstellung, nicht allein Allegorie der vanitas oder personifiziertes „Prinzip der Veränderung des menschlichen Lebens“4 ist. In Sebalds vielschichtiger Deutung entpuppt sich Baldanders als Vexierbild von Ordnung und Unordnung. Damit meine ich, dass Sebalds Baldanders, je nachdem wie man ihn betrachtet, entweder eine Welt verkörpert, die allen stabilisierenden menschlichen Ordnungsversuchen widerstrebt, oder eine – trotz aller Wandlungen – gegebene Ordnung.

Die Interpretation der Baldanders-Figur als Vexierbild von...

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