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Dinge, die die Welt bewegen

Zur Kohärenz im frühneuzeitlichen Prosaroman

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Martina Oehri

Dinge bewegen die Welt frühneuzeitlicher Prosaromane. Sie werden getauscht, verschenkt, gehen verloren und werden gefunden. In der Melusine wird eine tafel mit der ganzen Familiengeschichte gefunden, Fortuna schenkt Fortunatus im gleichnamigen Roman einen glücksseckel, in der schönen Magelona werden ringe genutzt, um die adlige Herkunft zu beglaubigen, und im Gabriotto und Reinhart dienen rosen Liebenden als heimliches Liebeszeichen. Werden diese Dinge in die Lektüre und Analyse der frühen Prosaromane einbezogen, so zeigt sich, dass ihr Aufbau keineswegs simpel und alleine vom Ende her bestimmt ist, wie ihnen oft vorgeworfen wird, sondern dass diese frühen Romane ganz einfach mit einem anderen Kohärenzsystem arbeiten als mit jenem, welches uns von den hoch artifiziellen höfischen Romanen der hochmittelalterlichen Blütezeit oder von modernen Romanen vertraut ist. In der Auseinandersetzung mit der Melusine, dem Fortunatus, der schönen Magelona und dem Gabriotto und Reinhart zeigt sich, dass jeder dieser Romane auf seine ganz eigene Art und Weise Dinge nutzt, um verschiedene Handlungswelten zu verbinden und Kohärenz herzustellen.
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2. Theoretische Vorbemerkungen

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In allen vier zu diskutierenden Prosaromanen treten immer wieder Objekte in den Fokus der Handlung und in den Fokus der Aufmerksamkeit des Rezipienten. Liebende tauschen Briefe, Ringe oder Ketten, eine Tafel offenbart den genealogischen Ursprung des eigenen Geschlechtes und Fortunatus kann dank eines Säckels, das ihm von Fortuna überreicht wird, sozial aufsteigen. Diese Dinge sind aber mehr als bloss anwesende Gegenstände. Es gilt in einigen terminologischen Vorüberlegungen deshalb einleitend festzuhalten, wie sich diese Objekte von anderen Dingen in der Handlungswelt unterscheiden. Die Bedeutung und Funktion dieser Objekte auf der Handlungs- wie auf der Textebene zu hinterfragen, ist Ziel der vorliegenden Untersuchung. Insbesondere innerhalb metonymischer Operationen lassen sich diese Objekte funktionalisieren. Die Objekte gehen in ihrer immanent metonymischen Funktion aber noch nicht auf, sondern haben darüber hinaus einen die Textimmanenz übersteigenden Charakter: Sie verbinden Episoden, was neue Perspektiven auf die Kohärenz dieser Texte eröffnet.

Mit der Kohärenz literarischer Texte beschäftigt sich die literaturwissenschaftliche Forschung seit jeher. Fragen nach der Handlungsmotivation einer Erzählung oder allgemein ihrer logischen Nachvollziehbarkeit interessieren nicht nur innerhalb der germanistischen Mediävistik,15 sondern werden auch wiederholt an moderne Texte herangetragen. Mit Kohärenzkonzepten der realistischen Poetik des 19. Jahrhunderts, die von einer kausallogischen und einheitlichen diegetischen Chronologie ausgehen, wurden Texte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit oft als defizitär beschrieben. Nachdem die germanistische Forschung in den 1960er und 1970er Jahren die wegweisende Studie von Clemens Lugowski Die Form der Individualität im...

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