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Tier im Text

Exemplarität und Allegorizität literarischer Lebewesen

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Edited By Hans Jürgen Scheuer and Ulrike Vedder

Ob Tiere als Begleiter des Menschen oder als seine Gegenspieler die Literatur bevölkern, ob sie als Exempel, Symbole oder Allegorien eingesetzt werden, ob sie sprachlos oder sprechend leiden und agieren, ob sie gänzlich unabhängig in eigenen Lebens- und Zeichenwelten situiert werden oder als monströse und phantastische Kompositwesen selbst solche verkörpern. In literarischen Texten sind Tiere stets mehr und anderes als nur stumme Elemente einer realen oder fiktiven Welt.
Die Vielfalt der Funktionen des «Topos Tier» steht im Zentrum dieses Bandes, dessen Textcorpus von mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Literatur bis ins 21. Jahrhundert reicht und dessen Beiträge der Faszination literarischer Lebewesen aus verschiedenen Blickwinkeln – gattungs- und wissensgeschichtlich, psycho- und diskurshistorisch, gendertheoretisch und poetologisch – nachgehen.
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Livyatan melvillei: „Moby Dick“ und das überhistorische Wissen vom Wal

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BURKHARDT WOLF

Livyatan Melvillei

„Moby-Dick“ und das überhistorische Wissen vom Wal

I.Der Leviathan im Text

Im Jahre 1851 hielten die ersten Buchhändler und Bibliothekare Herman Melvilles Moby-Dick; or, The Whale in den Händen. Doch nur wenige blätterten auch wirklich darin. Die meisten sortierten das Buch sogleich unter der Rubrik ,Sachbuch‘ ein, dort in die Abteilung ,Naturgeschichte‘ und dort wiederum in die meereskundliche Unterabteilung. Was heute wie ein literaturhistorischer Treppenwitz klingen mag, hat letztlich seine guten Gründe. Denn nicht nur, dass das Buch selbst (etwa durch die Einleitungen, die ein ,Hilfsschulmeisterlein‘ und ein „Sub-Sub-Librarian“ besorgt haben sollen) Probleme bei der Gattungsklassifikation signalisiert.1 Wenn Ishmael von Ahabs abenteuerlicher Jagd auf den weißen Pottwal erzählt, dann stets, um jenes Wissen aufzurufen und neu zu konstellieren, das man bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts vom Wal produziert und gesammelt hatte. Thematisiert wird etwa sein rechtlicher Status innerhalb der ,politischen Zoologie‘, seine Rolle als Seemonster in der mythologischen und religiösen Überlieferung oder seine Beschreibung innerhalb der naturhistorischen und biologischen Klassifikation. Moby-Dick ist ein Kompendium des Wissens und ebenso des Nichtwissens vom Wal.

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