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Tier im Text

Exemplarität und Allegorizität literarischer Lebewesen

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Edited By Hans Jürgen Scheuer and Ulrike Vedder

Ob Tiere als Begleiter des Menschen oder als seine Gegenspieler die Literatur bevölkern, ob sie als Exempel, Symbole oder Allegorien eingesetzt werden, ob sie sprachlos oder sprechend leiden und agieren, ob sie gänzlich unabhängig in eigenen Lebens- und Zeichenwelten situiert werden oder als monströse und phantastische Kompositwesen selbst solche verkörpern. In literarischen Texten sind Tiere stets mehr und anderes als nur stumme Elemente einer realen oder fiktiven Welt.
Die Vielfalt der Funktionen des «Topos Tier» steht im Zentrum dieses Bandes, dessen Textcorpus von mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Literatur bis ins 21. Jahrhundert reicht und dessen Beiträge der Faszination literarischer Lebewesen aus verschiedenen Blickwinkeln – gattungs- und wissensgeschichtlich, psycho- und diskurshistorisch, gendertheoretisch und poetologisch – nachgehen.
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Von Bienen fabeln: Zur literarischen Beobachtungs- und Faszinationsgeschichte der Apis mellifera

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RALF KLAUSNITZER

Von Bienen fabeln

Zur literarischen Beobachtungs- und Faszinationsgeschichte der Apis mellifera

„Summ summ summ/ Bienchen summ herum/ Fliege aus in Wald und Heide/ aber tu mir nichts zu leide“: Es gibt wohl nur wenige Insekten, die so frühzeitig und mit so nachhaltigen Folgen in die Beobachtungsbereiche und Imaginationsfelder des Menschen einfliegen wie die Honigbiene. Schon in den frühen Hochkulturen von Assyrien und Ägypten werden die staatenbildenden Nektarsammler nicht nur gezüchtet, sondern auch bildnerisch dargestellt (vgl. Abb. 1). Aus dem Land am Nil verbreitet sich der im gesamten Altertum weitergetragene Glaube, wonach Bienen aus Stierleichen entstehen (vgl. Abb. 2).1 Bereits im antiken Griechenland gilt der von Menschen kultivierte und genau beobachtete Bienenstock als Sinnbild politischer Ordnung und wird u. a. von Platon und Aristoteles herangezogen, um Vorstellungen vom zoon politikon und seinen Sozialbeziehungen zu illustrieren.2 Der ← 153 | 154 → römische Polyhistor Varro und der Philosoph Seneca sehen im Bienenstaat analoge Strukturen zur hierarchisch gegliederten Welt des Imperiums und einen Beweis dafür, dass die Natur selbst die Erfinderin der Monarchie sei.3 Ebenso frühzeitig interessiert man sich für ihre spezifischen Verarbeitungskapazitäten: Das Sammeln von Blütenstaub erscheint als Symbol des Dichtens bzw. der Poesie und des Wissens; Platons prominente Dichterschelte nutzt nicht ohne Grund das eingeführte Bild von Poeten, die „aus den Gärten und Tälern der Musen Honig sammeln und uns so ihre Lieder bringen wie die Bienen den Honig“, um den bienengleich umherflatternden...

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