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Tier im Text

Exemplarität und Allegorizität literarischer Lebewesen

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Edited By Hans Jürgen Scheuer and Ulrike Vedder

Ob Tiere als Begleiter des Menschen oder als seine Gegenspieler die Literatur bevölkern, ob sie als Exempel, Symbole oder Allegorien eingesetzt werden, ob sie sprachlos oder sprechend leiden und agieren, ob sie gänzlich unabhängig in eigenen Lebens- und Zeichenwelten situiert werden oder als monströse und phantastische Kompositwesen selbst solche verkörpern. In literarischen Texten sind Tiere stets mehr und anderes als nur stumme Elemente einer realen oder fiktiven Welt.
Die Vielfalt der Funktionen des «Topos Tier» steht im Zentrum dieses Bandes, dessen Textcorpus von mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Literatur bis ins 21. Jahrhundert reicht und dessen Beiträge der Faszination literarischer Lebewesen aus verschiedenen Blickwinkeln – gattungs- und wissensgeschichtlich, psycho- und diskurshistorisch, gendertheoretisch und poetologisch – nachgehen.
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Tier im Text: Exemplarität und Allegorizität literarischer Lebewesen: Vorwort

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Tier im Text

Exemplarität und Allegorizität literarischer Lebewesen

Vorwort

Auf seinem vorerst führerlosen Weg durch die „selva oscura“, den „wild wald rauch und ungeheure, / der an gedanken mir erneut das zagen“ (1. Gesang, VV. 5 f.),1 begegnet Dantes alter ego, die Erzählerpersona der Divina Commedia, vier sonderbaren Kreaturen: einer „lonza leggiera e presta molto“ (einem „leopardel schmeidig und viel schnelle“, V. 32), einem „leone … con rabbiosa fame“ (einem Löwen, „sein haupt erreckt mit hungers wut geberden“, VV. 45–47), einer „lupa, che di tutte brame / sembiava carca nella sua magrezza“ (einer Wölfin, „die mit allen gehrden / beladen lief in ihrer hageren gräme“, VV. 49 f.) und schließlich dem Dichter Vergil, dessen Existenzform zweifelhaft ist: „od ombra od omo certo“ (V. 66), schwankend zwischen Schatten und leibhaftigem Menschen. Sein schwankender Status erlaubt Rückschlüsse auf die drei vorhergehenden animalischen Erscheinungen. Auch sie, die dem Erzähler-Ich in seiner somnambulen Entrücktheit und Bewegtheit („tant’ era pieno di sonno a quel punto“, V. 11) abseits des geraden Wegs der wachen Sinne entgegenkommen, sind Phantasmen, nicht Fleisch, nicht Spuk; eher dem Bereich der ungezügelten seelischen Tätigkeit ihres Beobachters zugeordnet als der aktuellen Wahrnehmung seiner Außenwelt. Sie sind – mit anderen Worten – Figurationen der moralischen Innenwelt, auslegbar als Anfechtungen des im Wald seines Lebens irrlaufenden Wanderers, die nur mit Hilfe eines Psychopomps zu umgehen sind, damit die Seele ihr „itinerarium mentis in Deum...

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