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Büchner-Rezeptionen – interkulturell und intermedial

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Marco Castellari and Alessandro Costazza

Angesichts der unterschiedlichen Modalitäten und der verschiedenen Medialitätsgrade und -arten der Rezeption, die das Werk und die Figur Georg Büchners in zwei Jahrhunderten erfahren hat und weiter erfährt, muss heutzutage von Büchner-Rezeptionen in der Pluralform die Rede sein. Immer differenzierter entfaltet sich insbesondere die interkulturelle und intermediale Wirkung des Dichters, Wissenschaftlers und Revolutionärs. Sei es die Persönlichkeit des Dichters selbst, etwa beim Verfassen aufrührerischer Pamphlete, hellsichtiger Dichtungen oder fulminanter Briefe, auf der Flucht aus der Heimat oder am Seziertisch, seien es seine Figuren von Danton bis Lenz, von Leonce bis Woyzeck – das «Kind der neuen Zeit» genießt eine hohe internationale Resonanz in literarischen, theatralischen, filmischen, bildnerischen und performativen Diskursen. Anlässlich der internationalen Tagung zu Büchners 200. Geburtstag in Mailand (September 2013) untersuchen in diesem Band WissenschaftlerInnen aus Deutschland, Österreich, Großbritannien und Italien einige dieser Büchner-Rezeptionen, indem sie bekannte Konstellationen hinterfragen, überfällige Rekonstruktionen vornehmen und sich auf neues Terrain begeben.
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Verwischte Spuren. Zu Bertolt Brechts Büchner-Rezeption: Marco Castellari

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Marco Castellari (Milano)

„Ohne Büchner wäre Brecht nicht denkbar“. Plakativer als in Erik Neutschs Polemik anno 1975 gegen die westdeutsche Pflege des hessischen Dichters geht es wohl nicht. „Büchner“, heißt es dort weiter, „ist der literarische Vorfahr von so ziemlich der Hälfte aller in der DDR lebenden und schreibenden Schriftsteller. Jeder nimmt ihn auf seine Weise in Anspruch.“1

Der vom Autor des sozialistischen Romans Spur der Steine in diesem Zusammenhang erwähnten Christa Wolf wären bekanntlich Heiner Müller und Volker Braun hinzuzufügen. Gerade bei den weniger parteigetreuen Schriftstellern Müller und Braun findet man neben vielzitierten Aussagen zur eigenen Büchner-Filiation auch eindeutige Worte zur Linie Büchner-Brecht – für beide wohl eine Art Familiengeschichte.

Der ältere Müller etwa spürt 1988 bei Büchner jene „Krise des Dialogs“ und „Krise des Dramatischen“ auf, die er selber bis zum postdramatischen Theater radikalisieren wird, sowie jene „epische[n] Elemente“, aus denen „Brecht eine Theorie gemacht“ habe.2 ← 55 | 56 →

Beim zehn Jahre jüngeren Braun, dessen Büchner-Nachfolge der Beitrag von Gerhard Friedrich in diesem Band illustriert, wird im Jahr 2000 Dantons Tod als der „rasch[e] dramatisch[e] Versuch“ gepriesen, von dem sich „die Reihe der Versuche her[leitet], die Brechts Johanna in die Schlachthöfe Chicagos führt“.3 Bereits vor der Wende hatte Braun übrigens mit selbstkritischer Schärfe Büchners „illusionslosen Realismus“ gegen seinen eigenen und Brechts Geschichtsoptimismus abgegrenzt, und...

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