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Die Bedeutung der Rezeptionsliteratur für Bildung und Kultur der Frühen Neuzeit (1400–1750), Bd. III

Beiträge zur dritten Arbeitstagung in Wissembourg / Weißenburg (März 2014)

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Peter Hvilshøj Andersen-Vinilandicus and Barbara Lafond-Kettlitz

Die Mittlere Deutsche Literatur zwischen 1400 und 1750 weist einen beträchtlichen Bestand an deutschsprachiger und neulateinischer Rezeptionsliteratur auf. In Kontinuität mit der ersten Arbeitstagung in Eisenstadt 2011 und der zweiten in Hundisburg 2013 sind die Beiträge dieses Bandes dessen Sichtung, Aufarbeitung und bildungsgeschichtlicher Wertung gewidmet. Sie befassen sich mit der Rezeption und Verbreitung antiker Kultur (Überlieferung von Mythologie, Verarbeitung von Sophokles und Ovid), mittelalterlicher Stoffe und Renaissanceliteratur sowie mit den Filiationen neulateinischer Dramen, Fabeln und Romane, teilweise bis ins 18. Jahrhundert. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Rekontextualisierung, auf der Art, wie der Text dem anderen kulturellen Bezugsrahmen angepasst wird. An herausragenden Beispielen der literarischen Rezeption europäischer Literaturdenkmäler (Nibelungensage, Narrenschiff, Melusine) und neulateinischer Dramen werden außer ästhetischen Problemen sozio-kulturelle Transfers dargestellt, so etwa die ideologische Funktionalisierung zu didaktischen, moralischen, politischen und konfessionellen Zwecken.
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Feindbild oder Identifikationsfigur? Zur Rezeption von Sophokles’ Ajax im Umkreis Melanchthons (1534–1558)

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Zusammenfassung: Betrachtet wird die unterschiedliche Rezeption von Sophokles’ Ajax im Umkreis Melanchthons in den Jahren 1534–1558. Der rasende Ajax fungierte seit Erasmus von Rotterdam als Feindbild der Humanisten und Reformatoren. Bei Melanchthon sowie seinen Schülern Winshemius und Rataller (1546 und 1550) behält er diese Funktion. Mit Ajax werden der Adel sowie theologische Dissidenten und potentielle Monarchomachen angeprangert. Die moral-didaktische Funktionalisierung des Ajax als abschreckendes Beispiel zu Zwecken der Sozialdisziplinierung geschieht parallel zur Profilierung des Luthertums als staatstragender, offiziell anerkannter Konfession zwischen 1530 (‚Confessio Augustana‘) und 1555 (‚Augsburger Religionsfrieden‘). Philologische, kirchenpolitische und persönliche Gründe führen zu einer Neubewertung des Ajax bei Camerarius und bei Naogeorg (1552, 1556 und 1558). Camerarius schließt sich zwar Melanchthons moralpädagogischem Tragödienverständnis an, stellt jedoch die selbstzerstörerischen gruppeninternen Rivalitäten, und damit die Spaltung des Protestantismus, in den Vordergrund. Bei dem Kryptokalvinisten Naogeorg entwickelt sich nach dem Bruch mit Wittenberg die Ajax-Gestalt in dezidierter Absetzung von Melanchthons Auslegung vom Feindbild zur Identifikationsfigur.

Stichworte: Ajax, Joachim Camerarius, Philipp Melanchthon, Moralisierung zwecks Sozialdisziplinierung, Thomas Naogeorg, Georg Rataller, Sophokles-Rezeption, Vitus Winshemius

Die Rezeption der Tragödien des Sophokles begann relativ spät im deutschen Sprachraum, mit den Adagia1 des Erasmus von Rotterdam (um 1466–1536) und dem frühesten Buchdruck bei Aldus Manutius 1502 in Venedig. Nach einer ersten, sprachdidaktischen Zwecken dienenden Übersetzung des Ajax durch Johann Lonitzer2 (1533) setzt die eigenständige Adaption der Sophokles-Tragödien verstärkt im Umkreis des lutherischen...

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