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Räume der Passion

Raumvisionen, Erinnerungsorte und Topographien des Leidens Christi in Mittelalter und Früher Neuzeit

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Edited By Hans Aurenhammer and Daniela Bohde

Ölberg, Pilatuspalast, Golgatha, Grabesstätte: die Passion Christi fand an konkreten Orten in und vor der Stadt Jerusalem statt. Der fromme Nachvollzug des Leidens des Erlösers in Mittelalter und Früher Neuzeit aktivierte diese räumliche Dimension auf vielfältige Weise. Kreuzwege und Kalvarienberge evozierten die Topographie der Kultstätten des fernen Heiligen Lands. Geistliche Schauspiele, Prozessionen und Hinrichtungsrituale verwandelten spätmittelalterliche Städte in hybride Räume, in denen die Erinnerung der Passion mit der Gegenwart der Gläubigen verschmolz. Tafelbilder, illustrierte Handschriften und Raumdekorationen eröffneten imaginäre Passionsräume, in die sich die Betrachterinnen und Betrachter versetzen konnten. Die Passion Christi wurde so verinnerlicht und erhielt einen Ort im Herzen der Gläubigen. Diese bisher vernachlässigte räumliche Dimension der Passionsfrömmigkeit ist das Thema des kunsthistorische, historische sowie literaturwissenschaftliche Beiträge umfassenden Bandes. Er verfolgt exemplarisch die Geschichte der zur Visualisierung der Passion Christi entwickelten Raumkonzepte und Raumsemantiken von der Spätantike bis zum 16. Jahrhundert.
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Bildskeptische Nachbildungsmodi der Passionstopographie Christi im Spätmittelalter: der Görlitzer Kalvarienberg

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Spätestens seit dem Mittelalter stellen sich die heiligen Orte der Passion Christi stark verunklärt dar: vielfach überbaut, dekorativ eingekleidet und konkurrenziert durch erklärende Bilder, Devotionalienhändler, Lärm und anderes Profanes. Eine derartige spirituelle und materielle, geographische und soziologische Entrücktheit und Fremdheit der loca sancta wie des gesamten Heiligen Landes waren konstitutiv für ihre Wahrnehmung im lateinischen Westen. Denn die Verehrung der heiligen Stätten im Rahmen ihres konkreten oder auch mentalen Besuchs sowie ihre bildnerische oder literarische Nachbildung benötigten keine „historischen“ Beweise der authentischen Stätten: Die aus der Bibel verinnerlichte heilige Topographie, die Jesus mit seinen Füßen berührt und seinem Blut benetzt hatte, wurde trotz aller Beeinträchtigungen wie selbstverständlich wiedererkannt und im Realraum verortet.1

Gleichwohl ging es um Dokumentation und Erinnerung: Vor allem schriftlich notierte Maß- und Entfernungsangaben waren dabei über lange Zeit das wichtigste Instrument, eine geographische Kartierung und räumliche Konkretisierung vorzunehmen und zu tradieren sowie eine Matrix für die Imitatio Christi abzugeben. Es galt – und gilt – insbesondere, die heiligen Stätten somatisch und haptisch zu erfassen: Durch das Schritt für Schritt zu erfolgende Nachgehen des Leidensweges Jesu, das Küssen seiner Grabbank oder etwa das Abgreifen des Kreuzpfostenloches. Der Sehsinn war demgegenüber lange Zeit nachrangig. Auf solcher Grundlage war die Topographie der Passion in verschiedenste Medien umzusetzen: in schriftliche Pilgerberichte, in die gehörte oder gelesene geistliche Pilgerfahrt, in die Osterliturgie, aber auch in dauerhafte Nachbauten der...

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