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Hermann Bahr – Österreichischer Kritiker europäischer Avantgarden

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Edited By Martin Anton Müller, Claus Pias and Gottfried Schnödl

Bereits zeitgenössische Kritiker stehen irritiert vor der Breite des Werks des Schriftstellers und Journalisten Hermann Bahr (1863–1934) und monieren vor allem dessen Heterogenität. Verwirrung stiftet seine Praxis, ständig neue künstlerische Stile und kulturelle Tendenzen zu erahnen, sie zu lancieren und bald wieder zu ‚überwinden‘. Das lässt sich als Symptom für die um 1900 drastisch zunehmende Geschwindigkeit der kulturellen und technischen Entwicklung begreifen. So untersucht dieser Band, wie sehr das ‚Übermorgen‘ des Trendsetters Bahr nicht sowieso bereits die Gegenwart seiner Zeitgenossen darstellt. Die in diesem Band dokumentierten Aufsätze eint, dass er nicht als Vorreiter, sondern als Zeiterscheinung gefasst werden soll. Ursprünglich Vorträge einer Tagung, die im Mai 2013 in Berlin stattfand, erweitern sie die Diskussion in Bahrs Arbeitsfeldern Wirtschaftswissenschaften, Kunst- und Literaturgeschichte, Philosophie und Theater. Ferner behandeln sie seine Publikationspraxis sowie die Überlieferung seines Nachlasses.
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Einleitung: Martin Anton Müller, Claus Pias, Gottfried Schnödl

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Einleitung

Martin Anton Müller, Claus Pias, Gottfried Schnödl

Am 19. Juli 2013 verlief Hermann Bahrs 150. Geburtstag von der Öffentlichkeit beinahe unbemerkt.1 Verrät es eine nachvollziehbare Abstumpfung, die den Mahler-, Schnitzler- und Klimtjahren auf den Fuß folgt, so widerfährt die Ungerechtigkeit als Tochter der Zeit doch jenem, der maßgeblich zum Ruhm der genannten Zeitgenossen beigetragen hat.

Vor fünfzig Jahren stellte sich das anders dar. Eine Eigenheit der Bahr gewidmeten Forschung besteht darin, sich in beständigem Wandel zu befinden, um dem Verwandlungskünstler gerecht zu werden. Wenn man jenen Bahr, der bei seinem 100. Geburtstag mit Briefmarke gefeiert wurde, mit dem der Gegenwart vergleicht, lässt sich zu Recht (und teilweise zum Glück) die Überwindung der Hermann Bahr-Forschung konstatieren. Die Eingliederung Bahrs in die Nachkriegsgeschichte und -literatur Österreichs ist nicht der von Bahr vorgeschlagenen Entdeckung der Provinz sondern vor allem einer Entdeckung des Provinzgeistes geschuldet. Der Bahr, der fünfzig Jahre nach seinem Tod opportun war, ließ sich nahtlos einfügen in das von obersten Stellen verfolgte Programm einer abgeschotteten österreichischen Kultur, deren Hauptanliegen war, sich als Opfer des nationalsozialistischen Deutschland zu verstehen. Die Unterschlagung der Geschichte wurde durch gezielte Oberflächlichkeit umgesetzt, paradigmatisch verwirklicht im kulturellen Primat des Heimatfilms, der Österreich als Urlaubsinsel der Seligen international bewarb.2 Und Bahr war mittendrin: Ein Gutteil seiner Lustspiele wurde in dieser Zeit für Funk und Fernsehen adaptiert. Dass der österreichische Bahr auch der Reinwaschung diente, ist beim Verfasser...

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