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Hermann Bahr – Österreichischer Kritiker europäischer Avantgarden

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Martin Anton Müller, Claus Pias and Gottfried Schnödl

Bereits zeitgenössische Kritiker stehen irritiert vor der Breite des Werks des Schriftstellers und Journalisten Hermann Bahr (1863–1934) und monieren vor allem dessen Heterogenität. Verwirrung stiftet seine Praxis, ständig neue künstlerische Stile und kulturelle Tendenzen zu erahnen, sie zu lancieren und bald wieder zu ‚überwinden‘. Das lässt sich als Symptom für die um 1900 drastisch zunehmende Geschwindigkeit der kulturellen und technischen Entwicklung begreifen. So untersucht dieser Band, wie sehr das ‚Übermorgen‘ des Trendsetters Bahr nicht sowieso bereits die Gegenwart seiner Zeitgenossen darstellt. Die in diesem Band dokumentierten Aufsätze eint, dass er nicht als Vorreiter, sondern als Zeiterscheinung gefasst werden soll. Ursprünglich Vorträge einer Tagung, die im Mai 2013 in Berlin stattfand, erweitern sie die Diskussion in Bahrs Arbeitsfeldern Wirtschaftswissenschaften, Kunst- und Literaturgeschichte, Philosophie und Theater. Ferner behandeln sie seine Publikationspraxis sowie die Überlieferung seines Nachlasses.
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„Generation Kautschukmann“ Hermann Bahrs Kunstkritik im Kontext: Stephanie Marchal

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„Generation Kautschukmann“ Hermann Bahrs Kunstkritik im Kontext

Stephanie Marchal

Hermann Bahrs Beitrag zur Bildkunstkritik der Jahrhundertwende ist noch ebensowenig wie seine Verortung innerhalb derselben untersucht.1 Der Beginn seiner kritischen Tätigkeit fällt in eine Hochphase der Kunstkritik im gesamten deutschsprachigen Raum. Die Ausdifferenzierung des Kunstsystems – eine fortgeschrittene Institutionalisierung der Museen, der akademischen Kunstgeschichte, des Ausstellungswesens und der Kunstberichterstattung – führte von Wien bis Berlin nicht nur zu einer zuvor nie dagewesenen Konjunktur von Kunstkritikern2, sondern auch zu erhöhter Selbstreflexivität: Form, Aufgabe, Methode und Ziel der Kritik waren ebenso wie der Beruf des Kunstkritikers Gegenstand zahlreicher Debatten. Die Rede von einer „neuen“ Kunstkritik, die sich gegen die Kunstgeschichte einerseits und eine ältere, in ihren Augen veraltete Kunstkritik andererseits konturierte, wurde geradezu topisch.3 Ihre ebenfalls geläufige Bezeichnung als ‚Kunstschreiberei‘ oder ‚Kunstschriftstellerei‘ indiziert qualitative Verschiebungen auf den Ebenen der Literarizität wie der Rhetorizität.

Bereits ab ungefähr 1910, mit Aufkommen des Expressionismus und den frühen Schriften Carl Einsteins, erfolgte eine kritische Reflexion auf die jüngs ← 113 | 114 → ten kunstschriftstellerischen Ansichten und Praktiken, eine (Selbst)Revision, die das hier zu untersuchende Phänomen einerseits im zeitnahen Rückblick mit zu erhellen, andererseits aber auch zu begrenzen hilft. Der Kunstschriftsteller Karl Scheffler resümierte 1920 entsprechend: „So hat jede Generation ihre eigene Kunstgeschichte. Und nach zehn Jahren ist immer alles vorbei. Dann sind die Wahrheiten nicht mehr recht wahr, die Wertungen stimmen nicht mehr, die Methode der Betrachtung ist ‚überholt‘.“4...

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