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Hermann Bahr – Österreichischer Kritiker europäischer Avantgarden

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Martin Anton Müller, Claus Pias and Gottfried Schnödl

Bereits zeitgenössische Kritiker stehen irritiert vor der Breite des Werks des Schriftstellers und Journalisten Hermann Bahr (1863–1934) und monieren vor allem dessen Heterogenität. Verwirrung stiftet seine Praxis, ständig neue künstlerische Stile und kulturelle Tendenzen zu erahnen, sie zu lancieren und bald wieder zu ‚überwinden‘. Das lässt sich als Symptom für die um 1900 drastisch zunehmende Geschwindigkeit der kulturellen und technischen Entwicklung begreifen. So untersucht dieser Band, wie sehr das ‚Übermorgen‘ des Trendsetters Bahr nicht sowieso bereits die Gegenwart seiner Zeitgenossen darstellt. Die in diesem Band dokumentierten Aufsätze eint, dass er nicht als Vorreiter, sondern als Zeiterscheinung gefasst werden soll. Ursprünglich Vorträge einer Tagung, die im Mai 2013 in Berlin stattfand, erweitern sie die Diskussion in Bahrs Arbeitsfeldern Wirtschaftswissenschaften, Kunst- und Literaturgeschichte, Philosophie und Theater. Ferner behandeln sie seine Publikationspraxis sowie die Überlieferung seines Nachlasses.
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Impressionismus zwischen Griechentum und Grammophon Klassik als typologische Kategorie bei Hermann Bahr: Jutta Müller-Tamm

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Impressionismus zwischen Griechentum und Grammophon Klassik als typologische Kategorie bei Hermann Bahr

Jutta Müller-Tamm

Aus der Retrospektive der 1910er Jahre beschreibt Hermann Bahr den Impressionismus in einem großzügigen Akt der Vereinheitlichung als „Vollendung aller klassischen Kunst“ und charakterisiert weiterhin die so ausgezogene Linie klassischer Kunst als passiv-aufzeichnend, als „Grammophon der äußeren Welt“. Bahr stellt diesen Zusammenhang von alter Kunst und neuer Technik im Expressionismus-Essay von 1916 her, wo im Rahmen eines weiträumigen kulturgeschichtlichen Entwurfs der klassische Mensch mitsamt der zugehörigen Kunst folgendermaßen exponiert wird:

Die Griechen haben den Menschen umgekehrt: er stand gegen die Natur, sie wenden ihn zur Natur hin [...] Im Griechen verständigt sich der Mensch mit der Natur, sie verliert ihre Schrecken für ihn; er macht seinen Frieden mit ihr und indem er sich ihr hinzugeben wagt, hofft er, sie zu beherrschen. Die Götter ziehen auf das Feld und in den Wald ein, im geometrischen Ornament erblüht die Pflanze, regt sich das Tier. Gott und Mensch und Tier vermischen sich, alles wird eins. Es entsteht der klassische Mensch, der, nach Goethes Wort, ‚sich eins weiß mit der Welt [...]‘. Alle Geschichte des Abendlandes entwickelt seitdem bloß immer noch diesen klassischen Menschen. [...] Der Mensch kehrt sich immer mehr von seinem Inneren ab und nach außen. Er wird immer mehr Auge. Und das Auge wird immer mehr empfangend, immer weniger handelnd. Das Auge hat gar keinen eigenen Willen mehr, es verliert sich an...

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