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Hermann Bahr – Österreichischer Kritiker europäischer Avantgarden

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Martin Anton Müller, Claus Pias and Gottfried Schnödl

Bereits zeitgenössische Kritiker stehen irritiert vor der Breite des Werks des Schriftstellers und Journalisten Hermann Bahr (1863–1934) und monieren vor allem dessen Heterogenität. Verwirrung stiftet seine Praxis, ständig neue künstlerische Stile und kulturelle Tendenzen zu erahnen, sie zu lancieren und bald wieder zu ‚überwinden‘. Das lässt sich als Symptom für die um 1900 drastisch zunehmende Geschwindigkeit der kulturellen und technischen Entwicklung begreifen. So untersucht dieser Band, wie sehr das ‚Übermorgen‘ des Trendsetters Bahr nicht sowieso bereits die Gegenwart seiner Zeitgenossen darstellt. Die in diesem Band dokumentierten Aufsätze eint, dass er nicht als Vorreiter, sondern als Zeiterscheinung gefasst werden soll. Ursprünglich Vorträge einer Tagung, die im Mai 2013 in Berlin stattfand, erweitern sie die Diskussion in Bahrs Arbeitsfeldern Wirtschaftswissenschaften, Kunst- und Literaturgeschichte, Philosophie und Theater. Ferner behandeln sie seine Publikationspraxis sowie die Überlieferung seines Nachlasses.
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Die Korrespondenz Hans Vaihingers an Bahr: Yannik Behme

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Die Korrespondenz Hans Vaihingers an Bahr

Yannik Behme

„Kant ließ dem Menschen nichts als das Ich und jenes ‚Ding an sich‘“, konstatiert Hermann Bahr 1912 in seiner Besprechung von Hans Vaihingers Philosophie des Als Ob (1911):

Aber seitdem sind uns auch die beiden noch zwischen den Fingern zerronnen. Das „Ding an sich“ zu erkennen, müssen wir entsagen, so lehrte schon er uns, aber er meinte doch, es noch behaupten zu können, weil ja, wenn etwas auf uns wirkt, etwas da sein müsse, was wirkt. Wenn aber eben dies, für alles einen Grund zu fordern, auch wieder bloß in unserem Denken begründet wäre? Dann versinkt das „Ding an sich“. Und ebenso ist uns jetzt auch das Ich entsunken, „unrettbar“, wie Mach sagt, nachdem es schon anderthalb Jahrhunderte vor ihm Hume gesagt hat, dem auch das Ich nichts war als a bundle or collection of different perceptions [...].1

In Vaihingers Philosophie des Als Ob nun erkennt Bahr nicht weniger als den Rettungsanker des Ichs. Der Hallenser Philosoph plädiert – ausgehend von der Frage, wie „wir mit bewusstfalschen Vorstellungen doch Richtiges erreichen“ – für die Nützlichkeit von Fiktionen: „Wir operieren mit ‚Atomen‘, obgleich wir wissen, daß unser Atombegriff willkürlich und falsch ist, und, was eben das Merkwürdigste ist, wir operieren glücklich und erfolgreich mit diesem falschen Begriff: wir kämen ohne ihn nicht so gut, ja überhaupt nicht zum Ziele.“ Ähnlich verfahre man in so...

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