Show Less
Restricted access

Metaphysik zwischen Tradition und Aufklärung

Wolffs "theologia naturalis" im Kontext seines Gesamtwerkes

Juan Li

Das Buch ist die erste deutschsprachige Monographie zu Christian Wolffs Theologia naturalis, jenes letzten Teils seines großen metaphysischen Systems. Christian Wolff ist die zentrale Gestalt in der deutschen Aufklärung in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Aus der Sicht seiner Gegner war Wolff nichts anderes als ein Fatalist, Deist und Atheist. Aber er fällt auch durch ausgeprägt konservative Züge auf, die sich in seinen metaphysischen und religionsphilosophischen Arbeiten zeigen. Wolff selbst hielt es für möglich, dass die Anwendung der philosophischen Methode auf die Theologie der christlichen Religion nicht schaden würde. Wie ist dies möglich? Die Autorin prüft Wolffs Wunderbeweis, seine Spinozismus-Kritik und seine Argumente für die natürliche und offenbarte Religion im Kontext seines Gesamtwerkes. Dies sind die Hauptthemen der damaligen philosophischen Auseinandersetzungen. Dadurch tritt der Charakter der Metaphysik Wolffs zwischen Tradition und Aufklärung in ein neues Licht.
Show Summary Details
Restricted access

Kapitel I. Wunder

Extract



1 Die Wunderdebatte

Wolff äußerte zwar keinen Zweifel an der Möglichkeit von Wundern und versuchte sogar ihre Existenz in der natürlichen Theologie zu beweisen.44 Aber in Walchs Philosophischem Lexicon wird Wolff den Feinden der Wunder zugeordnet.45 Denn aus der Sicht seiner Gegner redete Wolff zwar viel von ihrer Möglichkeit, machte ihre Faktizität aber ganz zweifelhaft46 und unterschied sich eigentlich nicht von Spinoza.

Auf den ersten Blick scheint dies nicht verwunderlich zu sein, weil auf der schwarzen Liste der Wunderfeinde nicht nur die radikalen Aufklärer stehen, die das Wunderproblem in dekonstruktiver Weise behandelten, wie Spinoza, Hobbes47, Bernhard Connor48 und die später in Zedlers ← 31 | 32 → Universallexikon ergänzten49 englischen Deisten Thomas Woolston50 und Thomas Morgan51, sondern auch die moderaten Aufklärer, welche die Verteidigung des Wunderglaubens intendierten, wie Nehemiah Grew52, William Fleetwood53, Malebranche54, John Locke und Jean Leclerc55. Unter ← 32 | 33 → ihnen standen sich die englischen Deisten und die englischen Empiristen in der Wunderdebatte gegenüber, welche in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in England vor allem von der Seite der Wunderverteidiger angestiftet wurde56. Die ersten leugneten die Notwendigkeit der Offenbarung und hielten die natürliche Religion für hinreichend. Sie argumentierten nicht unbedingt gegen die theoretische Möglichkeit und die Wirklichkeit des Wunders, wie Morgan57, sondern behaupteten vielmehr, dass die Wunder die Wahrheit der christlichen Glaubenslehre nicht glaubhaft machen könnten.58 Letztere hingegen suchten philosophische Argumentationen für Wunder zu liefern. Im Vergleich zu den...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.