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Interkulturelle Literatur in deutscher Sprache

Zehn Autorenporträts

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Edited By Carmine Chiellino and Szilvia Lengl

Von Sprachwechslern im Kontext der Einwanderung und des politischen Exils auf den Weg gebracht, hat die interkulturelle deutschsprachige Literatur im Laufe von mehr als fünf Jahrzehnten eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht, deren Ausdruckspotential bei weitem noch nicht erschöpft ist. Ihre thematische und ästhetische Vielfalt ist primär auf die Herkunftssprachen und -kulturen sowie existentiellen Erfahrungen der daran beteiligten Sprachwechsler zurückzuführen, die sich auf die deutsche Sprache und Kultur als Werkzeug und Raum ihres Schreibens vorbehaltlos eingelassen haben. In dem vorliegenden Band werden folgende 10 Dichter und Romanciers exemplarisch vorgestellt: Cyrus Atabay, Zsuzsa Bánk, Artur Becker, Franco Biondi, Libuše Moníková, Terézia Mora, José F.A. Oliver, Yoko Tawada, Galsan Tschinag und Aglaja Veteranyi.
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Galsan Tschinag: Erzählen um weiterzuleben und weiterzugehen

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Komme ich nach Europa, überfliege ich jedes Mal sieben Sonnenstunden. Sie sind die Schwelle, die ich überschreiten muss, wenn ich aus der Urgesellschaft, in der mein Volk noch immer tief verwurzelt ist, herauskomme in das 21. Jahrhundert. […] Jetzt bin ich 50 Jahre alt. Im Grunde lebe ich aber seit über 1550 Jahren. Denn ich muss, wenn ich meine Welten wechsele, so viel Zeit überbrücken. (Schenk / Tschinag: Von der Urzeit zur Uhrzeit und zurück, in: Kulturaustausch 3/1998, Zeit – Im Takt der Kulturen, S. 73)

Diese Bemerkung Tschinags kann als charakteristisch für seinen biographischen und literarischen Werdegang gelten. In den Nomadenstamm der Tuwa hineingeboren, hat er als Stipendiat der Mongolei im Leipzig der sechziger Jahre Goethe, Schiller und Herder studiert. Nach Tätigkeiten als Deutschdozent, Journalist und Reiseleiter, zieht er heute zwischen seiner Heimat-Jurte im Hoch-Altai, seiner Wohnung in Ulan-Bator und den Zimmern der Hotels und seiner Freunde im deutschsprachigen Europa hin und her. Als Schamane, Häuptling und erster Germanist und Schriftsteller seines Volkes, das nur die orale Überlieferung kennt, bewegt er sich nicht nur als Nomade zwischen den Sprachen, den Kulturen und den Kontinenten, sondern auch zwischen den Jahrhunderten und den Zivilisationen, um sich als Botschafter der Tuwa-Nomaden für sein vom Aussterben bedrohtes Volk zu engagieren.

Sein umfangreiches, vielfältiges Werk ist durch seinen auf die Vergangenheit der Tuwa gerichteten Blick zu ihrem Kultur-Gedächtnis festgeschrieben und ist dadurch über die Grenzen des Hoch-Altais hinaus bekannt geworden.

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