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Legitimationsmechanismen des Biographischen

Kontexte – Akteure – Techniken – Grenzen

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Christian Klein and Falko Schnicke

Warum und unter welchen Umständen werden Biographien als sinnhafte und überzeugende Darstellungen anderer Leben anerkannt? Diese Frage nach der Legitimität adressiert ein Kernproblem der Biographik, das ungeachtet seiner fundamentalen Bedeutung bislang in der Biographieforschung nur am Rande reflektiert wurde. Welche Beglaubigungsstrategien werden wann und von wem in welchen Kontexten als gültig akzeptiert? Wer gilt als legitime Biographin, wer als legitimer Biograph und wessen Lebensgeschichte als angemessener Stoff für eine Biographie? Mithilfe welcher Techniken evozieren Biographinnen und Biographen die Glaubwürdigkeit ihrer Darstellung? Der vorliegende Band diskutiert diese und ähnliche Fragen im Rahmen ganz unterschiedlicher Fallstudien und nimmt damit erstmals die Legitimationsmechanismen des Biographischen in den Blick, ihre historischen und kulturellen Kontexte, die Akteure, die Techniken der Legitimation und ihre Grenzen. Er präsentiert die Ergebnisse der internationalen Tagung «Legitimationsmechanismen des Biographischen», die im September 2012 an der Universität Wuppertal stattfand.
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Briefbiographie um 1800. Legitimationsmechanismen einer Textsorte

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Anna Busch

In Wilhelm Diltheys 1910 veröffentlichtem Aufsatz Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften heißt es über den „wissenschaftlichen Charakter der Biographie“: „Die Dokumente, auf denen vornehmlich eine Biographie beruht, bestehen in den Resten, welche als Ausdruck und Wirkung einer Persönlichkeit zurückgeblieben sind. Eine eigene Stellung nehmen naturgemäß unter ihnen Briefe derselben […] ein.“1 Als Selbstzeugnis, das auf ein eindeutiges Gegenüber gerichtet ist, als Ego-Dokument mit einer bestimmten Zweck- und Stoßrichtung, das zwischen Privatheit und Öffentlichkeit oszilliert, kommt dem Brief tatsächlich eine Ausnahmestellung bei der Annäherung an gelebtes Leben zu. Seine einzigartige Rolle im Rahmen der Biographieschreibung erhält der Brief durch die ihm eigenen Charaktereigenschaften und die Eigentümlichkeiten der Textsorte. Tatsächlich ist auf die Sonderstellung des Briefs zwar immer wieder hingewiesen worden, in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung aber wird er regelmäßig unter dem Aspekt der die Biographie begleitenden Quellen und Materialien betrachtet und in einem Atemzug mit sämtlichen anderen autobiographischen Quellen genannt.2 Die brieflichen Eigenarten und ihre Instrumentalisierung in der Biographie werden dabei nur am Rande gestreift.

Mit der Abkehr von der in den Briefstellern propagierten, an den Regeln der Rhetorik orientierten formelhaften Vorgaben für die Abfassung von Briefen und der Hinwendung zu einem natürlicheren, freieren Briefstil rückte der Brief als historisches Dokument Mitte des 18. Jahrhunderts zunehmend in den Fokus der Lebensbeschreibung. Seitdem Gellert 1751 den Brief als „freye Nachahmung des guten Gesprächs“3 verstanden...

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