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Die Bedeutung der Rezeptionsliteratur für Bildung und Kultur der Frühen Neuzeit (1400–1750), Bd. II

Beiträge zur zweiten Arbeitstagung in Haldensleben (Mai 2013)

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Edited By Alfred Noe and Hans-Gert Roloff

Wie bereits in der ersten Arbeitstagung in Eisenstadt 2011 ausgeführt, weist die Mittlere Deutsche Literatur zwischen 1400 und 1750 einen beträchtlichen Bestand an deutschsprachiger Rezeptionsliteratur auf, deren statistisches Verhältnis zur originalen deutschen Literatur in Frühneuhochdeutsch und Neulatein noch nicht ausreichend ermittelt ist. Sichtung, Aufarbeitung und bildungsgeschichtliche Wertung dieser Literatur gehören wohl zu den interessantesten und historisch aussagekräftigsten Aufgaben, welchen sich die Beiträge dieses Bandes exemplarisch widmen. Die Schwerpunkte liegen dabei auf der Rezeption antiker Kultur (Wiederentdeckung der Palliata, Überlieferung von Mythologie, Verarbeitung von Vergil), auf der Filiation mittelalterlicher Motive und auf der Verbreitung von italienischer Renaissanceliteratur im deutschen Sprachraum. Neben herausragenden Beispielen der literarischen Rezeption europäischer Literaturdenkmäler und neulateinischer Texte werden ästhetische Probleme von Rezeptionsliteratur im Allgemeinen und die theoretische Basis des Petrarkismus im Besonderen dargelegt.
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Frauenleben im 15. und 16. Jahrhundert. Italienische Ehe- und Frauentraktate und ihre deutsche Rezeption: Laura Auteri

Frauenleben im 15. und 16. Jahrhundert. Italienische Ehe- und Frauentraktate und ihre deutsche Rezeption

Laura Auteri (Palermo)

Die sich im 15. Jahrhundert durchsetzenden sozial- und mentalitätsgeschichtlichen Veränderungen trugen bekanntlich im ausgehenden Mittelalter zur Entstehung von neuen Modellen von Verhaltensweisen bei.1 Bürgerliche Schichten versuchten in jener Zeit ihre Interessen und Lebensweise durchzusetzen. Dazu gehört die Hervorhebung der familiären Struktur, die immer mehr zum Kern einer sich im Wandel befindenden Gesellschaft wurde, in der der Frau – und dem Manne – eine neue Rolle zukam. Aber auch die neuplatonisch geprägte philosophische Debatte der Epoche verhalf, wie zu zeigen sein wird, zur Verbreitung von neuen Modellen, die weniger mit der Familie und vielmehr mit der Autonomie des Individuums zu tun hatten. Ehetraktate und Frauentraktate – über Frauen und von Frauen geschriebene Traktate – markieren Etappen dieser Entwicklung.

Ihr Entstehungsort ist fast immer Italien. Der soziale Kontext in den italienischen Städten des 15. Jahrhunderts, als die ersten Ehetraktate entstanden, ist allerdings anders als der der deutschsprachigen Länder des späten 15. und des 16. Jahrhunderts, als deutsche Übersetzungen erschienen. Es wundert demnach nicht, dass die deutschen Übersetzungen der Vorlage selten treu blieben, und sie das Thema Ehe immer wieder von anderen Gesichtspunkten aus betrachteten, auch wenn es in beiden Fällen darum ging, die Hausfrauenrolle zu preisen. Bei ähnlicher Zielsetzung wird anders vorgegangen, Inhalt und rhetorische Argumentationen distanzieren sich voneinander. Auf zwei ← 173 | 174 → Autoren, Francesco Barbaro, der das erste wichtige europäische Ehetraktat verfasste,2 und auf den Nachfolger Poggio Bracciolini sowie auf ihre Übersetzer, Erasmus Alberus und Niklas von Wyle, werde ich im ersten Teil des Beitrags eingehen. Auf Adaptationen und Unterschiede zwischen Ausgangstext und Übersetzung, die vor dem Hintergrund der sozialen Stellung der Adressaten und ihres Erwartungshorizonts untersucht werden, wird hingewiesen.

Im zweiten Teil des Beitrags geht es um die Texte einiger gebildeter italienischer Frauen, die eine neue Rolle für sich in Anspruch nahmen und sich den Humanisten gleichsetzten. Ändert sich der Diskurs je nach Gebrauchsfunktion des Textes, wie Rüdiger Schnell behauptet,3 so stehen Ehetraktate und Frauentraktate in so enger Verbindung, dass, wie Francine Daenens es z. B. tut, sie doch parallel betrachtet werden können.4 Auch in diesem Fall sind Übersetzungen und gegenseitige Anregungen zwischen Italien und Deutschland zu verzeichnen, doch die Resonanz dieser Gruppe von Texten blieb in den deutschsprachigen Ländern zunächst gering. Die wesentlichen Merkmale der Einflüsse und die Aspekte der mangelhaften Rezeption nördlich der Alpen werden zum Schluss besprochen, es soll aber gezeigt werden, dass Bildung und Kultur der Epoche auch südlich der Alpen ab dem Ende des 16. Jahrhunderts von diesen Texten nicht mehr beeinflusst wurden.

1. Die italienischen Autoren der lateinischen Ehetraktate, ihre Texte und die deutschen Übersetzungen

Die hier untersuchten italienischen Autoren stammten aus intellektuellen und politisch aktiven Kreisen von Venedig und Florenz.

Venedig war eine der mächtigsten und wirtschaftlich erfolgreichsten Städte der Epoche. 1469 hatte Johannes Emerich de Spira dort die erste Druckerei gegründet, und bis Ende des Jahrhunderts gab es bereits um die 200 Drucker (ab 1490 wirkte auch der berühmte Aldo Manuzio mit), sodass Venedig zur Hauptstadt des Buchmarktes wurde. ← 174 | 175 →

Florenz war hingegen die unumstrittene Hauptstadt der Kultur. Am Medici-Hof wurde eifrig übersetzt, vor allem aus dem Altgriechischen, und viele Intellektuelle begaben sich nach Florenz, um Altgriechisch zu lernen, und dies bereits, bevor ab 1453 die aus Byzanz fliehenden Gelehrten ihre später schnell Berühmtheit erlangenden Dokumente und Handschriften in die Stadt der Medici brachten.

Francesco Barbaro (Venedig 1390–1454), Politiker der Republik Venedig mit adliger Abstammung, hatte verschiedene Ämter in mehreren italienischen und europäischen Städten inne (so vertrat er z. B. 1428 die Serenissima bei dem Basler Konzil in Ferrara und Florenz, zudem war er päpstlicher Gesandter unter Kaiser Sigismund und später dessen Vertreter am Hof von Böhmen). Seine politische Gesinnung entsprach jener der führenden Politiker von Venedig.

Das Ehetraktat, De re uxoria, 1415,5 verfasste er nach einem Aufenthalt in Florenz, während dessen er die lateinische Übersetzung des Manuel Chrysoloras (um 1350–1415)6 von Platons Politeia las und sich der platonischen Philosophie näherte.7 Das Traktat, das er Lorenzo de’ Medici anlässlich der Hochzeit des Herzogs mit Ginevra Cavalcanti widmete, ist als ein Werk für eine Elite, für die führenden Eliten von Städten wie Venedig oder Florenz konzipiert. Ein Jahrhundert später, 1513, wurde es in Paris bei Badius Ascensius veröffentlicht und mehrmals neu aufgelegt (1537, 1548, 1560 und in Amsterdam 1639). 1536 war die deutsche Übersetzung erschienen. Erst 12 Jahre später, 1548, wurde in Venedig die erste italienische Übersetzung publiziert: Prudentissimi et gravi documenti circa la elettion de la moglie. Und erst dann gelangte der Text, der bis dahin unter Humanisten und Gebildeten zirkulierte, in die Hände von italienischen mittleren bürgerlichen Schichten. 1667 wurde das Traktat ins Französische übersetzt, L’Etat du Mariage; 1785 erschien eine neue italienische Version, La scelta della moglie. Wie man sieht, erfreute sich das Traktat ab dem 16. Jahrhundert eines riesigen Erfolgs. ← 175 | 176 →

Gleich am Anfang des Werkes werden Standardargumente zugunsten der Ehe vorgeführt, z. B., dass die Ehe dazu da ist, Nachkommenschaft, legitime Nachkommenschaft zu sichern, dass Keuschheit durch die eheliche Pflicht begünstigt wird, usw. Es geht hier, wie die Forschung immer wieder betont hat, um die Sicherung des existierenden Herrschaftssystems.8 Die Ehe (die Familie) ist der Mikrokosmos, der sich dem Makrokosmos Staat anpassen soll. Es geht vielmehr um den Staat als um die Familie an sich. Zum Schluss wünscht Barbaro Lorenzo und Ginevra, dass sie dem Staat Bürger („opitimi liberi“) schenken: Der Erhalt des Staates werde durch ihre Heirat gesichert.

Im Werk wird aber auch eine Reihe von einzelnen Fragen besprochen. Der erste Teil (De delecta uxoris) ist der Wahl der Ehefrau gewidmet: Allgemein lieber keine Witwe nehmen, vor allem, wenn Kinder aus erster Ehe da sind, denn es könnten Konflikte entstehen, aber auch deshalb keine Witwe, weil die Frau Vergleiche zwischen den Ehemännern anstellen könnte, und wer weiß, wie die ausfallen würden. Es wird dann erläutert, wie tugendhaft die Frau zu sein hat (wohl sehr tugendhaft), wie alt (möglichst jung, damit sie noch formbar und erziehbar ist) und von welcher Herkunft sie sein soll (sie braucht nicht reich zu sein, sie soll aber unbedingt „sittig“ sein). „Prudentia“, Fleiß, Demut und Bescheidenheit sind die unabdingbaren Tugenden, die eine Frau besitzen soll. Vor allem die Bescheidenheit nimmt eine zentrale Rolle ein, denn die Frau hat gehorsam, schweigsam und züchtig zu sein. Das heißt konkret, dass sie wenig reden soll, schon gar nicht in der Öffentlichkeit, sie soll sich bescheiden kleiden, sie soll auf ihre körperliche Haltung achten. Hier zitiert Barbaro auch Autoritäten aus der Antike (z. B. Demosthenes und Xenophon) und spricht die Frau direkt an. Xenophon heranziehend, empfiehlt er den Frauen, Augenkontakt mit anderen Menschen bzw. mit Männern so oft wie möglich zu vermeiden, denn das würde zu viel von ihren Regungen und Gedanken verraten. Demosthenes zitierend empfiehlt er der Frau weiter, vor einem Spiegel ihre Art zu laufen und sich zu bewegen, zu überprüfen. Haltung soll sie ständig bewahren. Carola Fricks merkt diesbezüglich an, dass der Frau hier, bei allen Einschränkungen, wenigstens Lernfähigkeit zuerkannt wird, mehr noch: Sie scheint zu eigenständigem Lernen fähig. Denn von allein soll sie durch den Spiegel den Effekt ← 176 | 177 → ihrer Erscheinung im Publikum bewerten und sich eventuell korrigieren können.9

Im zweiten Teil des Ehetraktates (De uxoris officio) werden dann die weiblichen Haushaltsaufgaben aufgezählt – die Frau soll z. B. dem Gesinde gegenüber sich führungsstark zeigen, doch auch gerecht und großzügig – und die Pflichten der Ehefrau gegenüber ihrem Mann und ihren Kindern erörtert. Die erzieherische Funktion wird besonders unterstrichen, die Frau habe u. a. den Kindern das Schreiben beizubringen, was ihre eigene Ausbildung voraussetzt.

Und schließlich fällt das magische Wort, das erst ab dem 18. Jahrhundert zu diesem Zweck zielbewusst eingesetzt wird, Liebe: Die Liebe soll die Bürde des Ehelebens leichter zu ertragen machen, so soll die Frau ihren Mann lieben – allerdings er sie auch.

Poggio Bracciolini (Terranuova, bei Arezzo [Valdarno] 1380–Florenz 1459) stammte aus einer bürgerlichen, mit Geldschulden belasteten Familie. In Florenz wurde er aber Schüler des berühmten Humanisten Coluccio Salutati, der ihm auch beruflich weiterhalf, indem er ihm 1403 eine Stelle bei der päpstlichen Kurie besorgte. Seitdem reiste Bracciolini viel und hielt sich auch in deutschsprachigen Ländern auf. 1414–18 war er mit Papst Johannes XXIII. auf dem Konstanzer Konzil und hatte Gelegenheit, sich mehrmals auf Handschriftensuche nach St. Gallen zu begeben.

Um 1435 verfasste er den Dialog An seni sit uxor ducenda, den er Cosimo de’ Medici widmete.10 Poggio vertrat insgesamt ähnliche Positionen wie Barbaro, stellte darüber hinaus aber eine sehr konkrete Frage, und zwar, ob ein älterer Mann heiraten darf. Er folgte damit nicht nur einem alten Topos, er sprach vielmehr pro domo sua, denn kurz zuvor hatte er im Alter von fünfundfünfzig Jahren eine achtzehnjährige Frau geheiratet. In der Widmung an Cosimo de’ Medici erklärt er, dass der Dialog eine Tischdiskussion unter Freunden wiedergebe. Kurz nach seiner Heirat habe er mit Niccolò Niccoli und Carlo Marsuppini zu Tisch gesessen und über die Frage diskutiert, ob ein alter Mann eine junge Frau heiraten soll. Drei Jahre später habe er den Dialog veröffentlichen wollen.

Der eine Freund, Niccolò, argumentiert gegen die Ehe überhaupt und erst recht gegen die zwischen einem alten Mann und einer jüngeren Frau, da es z. B. sein könnte, dass keine Kinder gezeugt werden, dass die Frau noch ← 177 | 178 → sinnliche, sexuelle Bedürfnisse habe, die der alte Mann nicht mehr zufriedenstellen kann, oder aber, dass der Mann seine Ruhe im Hause verliere usw.

Laut Carlo, dem anderen Freund, ist ein alter Mann hingegen sicherlich pflichtbewusster, treuer, verständnisvoller als ein junger, also besser als Ehemann geeignet. Er könne sogar freier leben, denn die Frau sei ihm doch schließlich in der Ehe untergeben. Das Hauptargument zugunsten der Ehe ist allerdings, dass Ehepartner sich gegenseitig helfen können. Nicht nur, dass ein Mann gerade im Alter Hilfe brauchen kann, es gehe vielmehr darum, dass beide, Mann und Frau, sich gegenseitig helfen, miteinander reden, füreinander da sein können. Eine „vera ac perfecta amicitia“ könne entstehen.

Rüdiger Schnell weist darauf hin, dass hier der Diskurs eine Wende nimmt, die die soziale Einstellung der Menschen ins Zentrum rücken lässt.11 Der Mensch dürfe nicht allein leben, sondern in Gemeinschaft. Wichtiger als das sexuelle Leben sei das Einverständnis der Gemüter und der Seelen, und dies bedeute auch ein Umdenken der Rolle des Mannes.

Die Entscheidung, ob eine Heirat bei großem Altersunterschied zu empfehlen sei, wird schließlich dem Leser überlassen, auch wenn die Antwort in die gewünschte Richtung gelenkt wird: Der alte Mann darf wohl eine junge Frau heiraten.

Die beiden lateinischen Ausgangstexte weisen ähnliche strukturelle Merkmale auf, überhaupt zeichnen sie sich durch Sachlichkeit aus. Konkrete Probleme werden diskutiert, und Lösungen vorgeführt. Die Texte sind straff konstruiert, es gibt keine Abschweifungen, keine Redundanz, sie weisen, wie Manfred Lentzen schreibt, eine „strenge humanistische Schulung“12 auf.

Wie steht es aber mit den deutschen Übersetzungen? Wer waren die Übersetzer und wer das Publikum?

Die Übersetzter trugen bekannte Namen, die keiner Einführung bedürfen, es handelt sich um Niklas von Wyle (Bremgarten [Aargau] um 1415-Stuttgart 1479) und Erasmus Alberus (Bruchenbrücken um 1500 – Neubrandenburg 1553). Beide Autoren pflegten direkte Kontakte zu Italien bzw. waren zeitweise südlich der Alpen. Niklas studierte in Wien und Italien und wies sich als bedeutender Vermittler italienischen Kulturguts aus, in seinen Translatzen (1461-1478) werden eine Reihe wichtiger Autoren und Texte der italienischen Renaissance übersetzt, darunter auch das Traktat von Poggio Bracciolini.13 Erasmus Alberus, selbst Autor von Fabeln, Kirchenliedern und Satiren, studierte in Mainz und Wittenberg, kam aber in seinem unruhigen Leben – er ← 178 | 179 → vertrat die Sache Luthers und war Ende der 40er Jahre zu den Gnesiolutheranern zu rechnen – nach Italien. 1536 erschien Eyn gůt bůch von der Ehe, eine Übersetzung vom Traktat des Francesco Barbaro.14

In beiden Fällen ist der Adressat nicht mehr jene politisch führende Elite der Ausgangstexte, sondern ein deutschsprechendes Publikum, das in erster Linie mit den mittleren bürgerlichen Schichten der deutschen Städte gleichzusetzen ist. Dieses Publikum hatte aber von griechischer und italienischer Philologie keine Ahnung, es war an der kulturellen Auseinandersetzung, die im Hintergrund von Barbaros De re uxoria steht, wenig interessiert. Vielmehr zog die religiöse Debatte das Publikum an, und zwar auch schon im 15. Jahrhundert, noch bevor Luther die Szene betrat. Denn, wie Bodo Guthmüller feststellt, fehlte im deutschen Bereich eine kritische Öffentlichkeit und es fand vielmehr eine „Konzentration der Diskurse auf religiöse Dinge“15 statt. Die sachliche Diskussion des Francesco Barbaro und Poggio Bracciolini über die Ehe übernimmt somit Akzente, die auch das Ehebüchlein (1472) des Albrecht von Eyb, eines der ersten renommierten deutschen Ehetraktate, charakterisierten, und die dazu dienen sollen, „[…] den Bürger zu einem christlich-moralischen Leben anzuleiten“.16

Zuerst, und zwar schon 1463, wurde der Dialog von Poggio Bracciolini übersetzt (VI. der Translatzen 1461–78), Niklas von Wyle widmete ihn seinem mit sechzig Jahren verwitweten Vetter Heinrich Effinger. Es handelt sich um eine nahezu wörtliche Übersetzung, doch der Sinn des Textes wird durch das Vorwort des Übersetzers eben in eine eher religiöse Dimension gerückt.

Dieselben Personen wie bei Poggio nehmen beim gemeinsamen Essen am Dialog teil: der Ich-Erzähler und die Freunde (Karolus Aretinus und Nicolaus Nicolai). Insgesamt ist, trotz der Treue zur Vorlage, auch ein sich leicht anbahnender Trend zur Redundanz der Aussagen festzustellen. Konzepte werden manchmal durch neue Wörter oder neue rhetorische Bilder ausgedehnt.17 Es ist aber das dem Vetter Heinrich Effinger gewidmete Vorwort von über 160 Zeilen, das, wie gesagt, den Unterschied macht. ← 179 | 180 →

Die Frau des Vetters, die heiß gepriesen wird („die ich hab erkennet sin vnder küschen frowen die küschest vnder wysen die wysest vnd vnder demütigen die demütigtse“ (123, 6–8)ist verstorben, und Niklas bespricht hier zuerst die Erfahrung des Todes, „der ye komen sol, vnd mus“ (123, 18–19). Der Mensch soll sein „gelück“ (124, 14) einfach akzeptieren: „Vnd desgelychen vil/ also daz niemant die manigfaltigen züfell des gelückes, zellen mag, damit es spilende, menschlich geschlechte kestiget vnd pinget. o. seligen menschen, dem sin gemachel nit mit vntrüw vnd nit mit gewalt ainches menschen, dann allain durch die würckung gottes wirt genomen“ (124, 13–18).

Doch der Vetter habe seine Frau auch nicht verloren: „Nain vetter du hast sy nit verloren, sunder fürgeschickt, vnd wirst Ir nachfahren, so die zyt komen wirt […] Dryerlay stette sind vsgezaichnet vnd geben allen menschen. Die an ist die statt vnser haimant. Die ander der bilgerschaft. Vnd die dritt des ellends. Vnser haimant ist der himel, die bilgerschaft üben wir hie vf erden. Das ellend wyle das zwifalt ist, zytlich vnd ewig, so ist das ain das fegfüre vnd das ander die helle“ (124–125).

Paulus und die Evangelien zitierend fordert Niklas den Menschen auf, sich in Gottes Willen zu fügen und zu beten. Erst dann kommt der Ratschlag, wieder zu heiraten. Es geht aber im Vorwort nicht um die „vera ac perfecta amicitia“ zwischen den Ehepartnern, sondern darum, dass der alte Mann mit anderen unkeuschen Weibern außerhalb der Ehe Verkehr haben könnte, und das wäre ja Sünde, eine Sünde, die leider verbreitet ist („[…] lieber woltent witwer vnd bülend in sünden leben, danne den eeren nach sich ander werb verhüren […]“, [126, 32–34]).

Und dann kommt das Vorwort zum Thema Tod zurück, Niklas mahnt: „danne was hulff dich wys gewesen sin, vnd alle gaistliche vnd weltliche recht ouch die löffe der himeln vnd die vrsachen des tonners des regens der winden vnd vil ander dingen aigenschaften gewist han, du köndest dann ouch ← 180 | 181 → dar by sterben“ (127, 2-6). Die Historia vom d. Johann Fausten wird über ein Jahrhundert später genau die gleiche Meinung vertreten.

Erasmus Alberus’ Übersetzung von Barbaro De uxoria erscheint 1536 mit dem Titel Eyn gůt bůch von der ehe. Besser als der Begriff Übersetzung würde hier allerdings jener der Bearbeitung passen, denn Alberus, der im Vorwort auf Barbaro als seine Vorlage hinweist, nimmt sich viele Freiheiten.

Das gůt bůch von der ehe strebt, trotz des verschiedenen Arbeitsvorgangs des Übersetzers, eine ähnliche moralische Wirkung wie Niklas an. Aber auch eine Radikalisierung der Stellungnahmen ist offensichtlich. Die konfessionelle Auseinandersetzung und die individuelle Position des Gnesiolutheraners Alberus’ bewirken im Text einen ständigen Angriff auf die ‚Papisten‘ und die katholische Kirche, auch deswegen, weil sie seit Jahrhunderten den Priestern die Ehe verbietet. Auch hier sind die einleitenden Teile von Interesse.

Im Vorwort „Zum Leser“ bezieht Alberus Stellung gegen sonstige streitlustige Literatur, insbesondere die der Wiedertäufer, gleichzeitig preist er aber sein eigenes Unternehmen.

Wer jetz nichts mher kan dann ab

Dem thut der bauch da von so we

Das er die kunst nit halten kan/

Drumb macht nun bücher yederman.

Und kompt kein büch so toll an tag/

Und so böß ymer keynß sein mag.

Vnd kein es schon von Widerteuffer/

So findt es dannoch seinen keuffer.

Weil man nun kaufft eyn solches büch/

Darin nichts ist dann gifft vnd flüch.

Vnd ich nichts bring/ dann glück vnd heyl/

Vnnd binn dir lieber Leser feyll

So kauff mich frei/ vnd lese mich

Das wirt gerewen nymer dich.

Im Vorwort erklärt er weiter, dass er selbst den Kauf von Barbaros Ehetraktat nie bereut habe. Denn der Text nehme vorweg, was Luther später lehren sollte. Dabei wundert sich Erasmus Alberus erstens darüber, dass es so sensible Leute gegeben habe, genau die Position zu vertreten, die Luther dann vertreten sollte, zweitens, dass niemand das so bedeutende Ehetraktat schon früher übersetzt habe.18 ← 181 | 182 →

Daraufhin ermahnt er den Menschen, nach den evangelischen Lehren zu leben, will er ein gutes Leben führen, und bei der Wahl der Ehefrau empfiehlt er allgemein am Ende des zweiten Kapitels:

In Suma/ die erste frag im heiraten/ sei dise/ Ist sie frum/ oder ob sie wol von frommen eltern geborn/ vnd selbst jrer jungfrawschafft halben frum ist […] So sei das die nechste frag nach der erste/ ob sie freündlich vnd gütig sei/ die dritte frage/ Ist sie jung; die vierte/ ist sie hubsch; die letzte/ Ist sie reich […] (25, 5-8)

Erasmus Alberus greift viel häufiger als seine lateinische Vorlage auf biblische Vorbilder und Zitate zurück, der Trend zu Redundanz und Abschweifungen entfaltet sich hier deutlich. So lassen z. B. die oft vorkommenden Parallelen zu Tieren und zur Tierwelt, aus der Beispiele und Lehren entnommen werden, den Text anschwellen, und auch bei der Übersetzung von lateinischen Zitaten kommt es zu Redundanz. So werden zum Beispiel im 4. Kapitel „Von dreien Tugenden des Weibs“ (Liebe, Zucht, Keuschheit) lateinische Sentenzen kommentiert. Etwa:

Audito multa/ Loquere pauca. Das ist

Das halt ich für eyn erbarkeyt

Das man zü hörn ist bereyt

Zu reden wenig/das steht fein

Darumb laß dir solchs gesaget sein.

Item

Ne lingua precurrat mentem. das ist

Es steht nit fein/ist fehrlich auch

Das man heraus fert wie eyn gauch

Eh man sich hatt vor wol bedacht

Das hat viel leut zu schaden bracht.

[…] Den wir wölle nit auß den weibern/Pythagoren od Cartheuserin machen/ das sie gar nit reden sollen/ sonder reden mögen sie wol/ wann es ihn wol ansteht. (33)

Auf zwei divergente inhaltliche Positionen im lateinischen und deutschen Text bezüglich des Themas Erziehung möchte ich zum Schluss noch hinweisen.

In beiden Texten, dem italienischen und dem deutschen, steht die Erziehung der Kinder unter der Obhut der Mutter. Laut Barbaro obliegt den Frauen auch die Aufgabe, ihren Sprösslingen das Schreiben beizubringen, Säuglinge sollen jedoch der Hebamme anvertraut werden. Die Erziehung gründet offensichtlich auf Rationalität und beginnt so bald das Kind auf rationale Argumente reagieren kann. Erasmus Alberus befürwortet hingegen eine Erziehung des Säuglings: die Mutter selbst soll ihre Kinder stillen (hier S. 41). Alberus geht wohl Comenius voran, der in seinem zwischen 1628 und ← 182 | 183 → 1632 verfassten Informatorium der Mutterschul (Informatrium skoly materské), dem Stillen, so wie den pränatalen Erlebnissen des noch ungeborenen Kindes, eine beträchtliche Funktion zuschreibt.19 Heute für uns eine Selbstverständlichkeit, damals keineswegs. Alberus’ Einstellung mag auch dadurch erklärt werden, dass sein Publikum aus mittleren und niederen Schichten bestand, die sich sowieso nicht immer eine Amme hätten erlauben können. Andere Texte der Epoche, wie Johannes Fischarts Philosophisch Ehezuchtbüchlein, 1578, beweisen jedoch, dass es hier um mehr handelt, dass ein Umdenken hinsichtlich der erzieherischen Aufgaben der Frauen stattgefunden hatte.20

Laut Barbaro hat die Ehe weiter eine politische, staatliche Funktion, denn verfeindete Länder können dadurch zu Verbündeten werden; Erasmus Alberus verweist nur flüchtig auf das Argument. Und das ist verständlich, denn es betrifft ohnehin nur jene führende Elite, die das Publikum der lateinischen, und nicht der deutschen Texte ausmachte. Doch auch Alberus erkennt eine politische Funktion der Ehe, sie besteht aber in der religiösen Erziehung der Kinder. Ist laut Barbaro die erste Aufgabe der Erziehung, den Kindern Verhaltensweisen beizubringen, die ihnen die Integration in die gehobenen Schichten der Gesellschaft ermöglichen, ist Erziehung für Alberus die Vermittlung von religiösen ‚deutschen‘ Gesinnungen. Erziehung soll das „Deutschtum“ (lese: die lutherische Lehre) bewahren: Ohne eine angebrachte Erziehung „wird aus dem deudschen land eyn Barbarei/ od Turckei werden“ (47).

Und weiter: „Wie kündten wir aber vnserem aller bitterste feind de teuffel grössere freundschafft vnd höhern dienst erzeygen/ dann das wir vns/ vnd unsere kinder jhn also williglich opfferv/ vnd Got also dancken/das er vnd Deudschen ietzt für allen völckern sein herliches Euangelium gegeben hat. Was vor zeiten die Juden/was vor zeitte die Griechen/was vor zeiten die Römer hatten/ das habe wir itzt vn Gott erhabe […]“ (47–48). ← 183 | 184 →

2. Italienische Frauentraktate

Im Italien des 15.–16. Jahrhunderts gab es aber auch eine Reihe von Frauen, die öffentlich gegen die Ehe Stellung nahmen, oder jedenfalls ein Leben nicht nur als Haus- und Ehefrau priesen und führten.21

Der Trend beginnt wahrscheinlich mit jenen die Frauen schlechthin lobenden Texten, die zwar Plutarchs Mulierum virtutes und Boccaccios De mulieribus claris (etwa 1371–1375) als Modell hatten, aber eigene Wege gingen. Galeazzo Flavio Capras (Mailand 1487–1537)Della eccellenza e dignità delle donne (Über die Erhabenheit und Würde der Frauen), 1525, soll der erste Text der neuen Reihe gewesen sein. Und das stimmt, wenn wir nur italienische bzw. lateinische Traktate berücksichtigen.22

Erweitern wir aber den Blick, dann mag am Anfang der lobenden Traktate der deutsche Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim (Köln 1486–Grenoble 1535) stehen.1509, als er noch in Burgund, in Dole, weilte, verfasste er ein lateinisches Traktat, Declamatio de nobilitate et praecellentia foeminei sexus, das allerdings erst 1529 in Antwerpen gedruckt wurde. 1530 (das Datum ist aber unsicher) erschien in Venedig die erste italienische Übersetzung: E. C. Agrippa: De la nobilta, e preeccellentia del feminile sesso, und Ludovico Domenichi besorgte eine weitere 1545, mit einem Vorwort von Alessandro Piccolomini, Oratione in lode delle medesime. 1578 erschien in Paris auch die französische Übersetzung, Traité de l’excellence de la femme. Schaut man nach den Erscheinungsjahren, scheint Capra der Initiator der ← 184 | 185 → Reihe zu sein, aber nicht nur das Datum der ersten italienischen Übersetzung ist unsicher, Capra könnte auch die lateinische Fassung von Agrippa vor ihrem Druck gekannt haben. Denn Agrippa, der sich – mal aus eigenem Antrieb, mal auf der Flucht wegen seiner Gesinnungen – Zeit seines Lebens in mehreren Ländern aufhielt (Spanien, Frankreich, England), verbrachte auch sieben Jahre (1511–1518) in Italien, u. a. lange Zeit in Pavia, wo er heiratete und an der Universität sowohl als Doktorand als auch als Dozent (er hielt Vorlesungen über Platon und das Phaedrus so wie über Hermes Trismegistos’ Lehre) tätig war. Pavia ist von Mailand, wo Capra wohnte, nicht weit entfernt, es ist zumindest möglich, dass die zwei oft reisenden Männer aufeinander trafen und Gedanken und Projekte austauschten.

Es kommt aber auch nicht darauf an, wer zuerst anfangs des 16. Jahrhunderts Texte zum Lob der Frauen verfasste, ob der Italiener oder der Deutsche, wobei sowohl Agrippa als auch Capra vom Bild der vollkommenen „Dama di Palazzo“ des Cortegiano (1528) überschattet wurden. Wichtig ist die Feststellung, dass sich z. T., und bei allen Einschränkungen, eine frauenfreundliche Stimmung, die nicht nur in der Hochschätzung der Frau als Ehefrau und Mutter bestand, verbreitete, und dass sie das Prinzip der grundsätzlichen Gleichheit vertrat.23

Die die Frauen lobenden Traktate verwenden allerdings oft Klischees, und die Überlegenheit der Frauen wird auch durch Paradoxa (etwa dass Frauen auch deswegen überlegen seien, weil sie von selbst Kinder zeugen könnten) untermauert.24 Umstritten ist die Frage, ob diese Literatur, die gleichzeitig das Thema der dignitas hominis einführt und eigentlich parallel zu den Ehetraktaten läuft, mit denen sie viel gemeinsam hat, ob also diese Literatur neue Perspektiven öffnet. Fest steht, dass ihr Erfolg in Italien beträchtlich gewesen ist.25 ← 185 | 186 →

Die von Florenz aus sich verbreitende neuplatonische, hermetische Philosophie spielte eine Rolle bei der Entfaltung des neuen Frauenbildes. Schon die Diskussion um die Ehe hatte im frühen 15. Jahrhundert eine philosophische Dimension, die in der konkreten und diesseitsbezogenen philosophischen Debatte, die sich in Florenz schon vor 1453 einstellte, zu suchen ist. Die Frauen nehmen zwar bei Platon keinen höheren Platz als bei Aristoteles ein, aber schon z.T. Cusanus und mehr noch Marsilius Ficino und erst recht Pico della Mirandola, der in seiner Oratio de hominis dignitate (1486) jedem Menschen intellektuelle Fähigkeiten und Kreativität zuspricht, gewähren der Frau jene autonome Rolle, die sich auch in den die Frauen lobenden Traktaten und vor allem in den Einstellungen einzelner Frauen bemerkbar macht.26 Einige dieser Frauen werden berühmt.

Isotta Nogarola (Verona 1418–1466), die aus einer adligen Familie stammte und dank ihrer Mutter eine gründliche humanistische Erziehung unter der Leitung von Martino Rizzon, einem Schüler des Guarino da Verona, genoss, korrespondierte mit Humanisten wie Ludovico Foscarini. Sie lehnte die Heirat ab, blieb in ihrem Haus, und dort lehrte sie jahrelang. Laut Margaret King habe sie sich hiermit im Grunde für ein religiöses Leben entschieden, aber Prudence Allen hat Recht, wenn sie bemerkt, dass ein religiöses Leben anders hätte aussehen müssen.27 Isotta wähle vielmehr die Abgeschiedenheit eines Intellektuellen-Humanisten Lebens. Isottas Biographin Anna Pacifico kommt zur selben Einschätzung.28

Auch die bürgerliche Laura Cereta (Brescia 1469–1499) konnte sich bilden, wurde aber mit 15 Jahren verheiratet. Nach zwei Jahren war sie jedoch kinderlos und verwitwet und begann dann mit Humanisten Kontakt zu pflegen. Berühmt sind vor allem ihre Briefe, in denen sie über Erziehung, Bildung, Wissenschaft, Politik, Krieg und Benachteiligung der Frauen im Studium diskutiert. Heute wird insbesondere sie als mutige Vertreterin weiblicher Interessen im Bereich der Bildung betrachtet.29 ← 186 | 187 →

Nahm die deutschsprachige Welt die Existenz solcher Frauen wahr? Im Fall von Cassandra Fedele (Venezia 1465–1558) mit Sicherheit. Die von ihrem Vater zum häuslichen Studium ermutigte Cassandra, die als enfant prodige galt, durfte zwar nicht die Universität besuchen,30 1487 wurde sie aber immerhin gebeten, eine Rede an der Universität Padua zu halten, als ein Verwandter, Bertuccio Lamberti, zum Doktor ernannt wurde. Ihre Rede zum Lob der Wissenschaft und der Kunst wurde in kürzester Zeit überall und auch auf deutschem Boden bekannt. Die Oratio pro Bertucio Lamberto wurde 1488 in Venedig publiziert und dann öfters gedruckt, 1489 auch in Nürnberg. Der Humanist und Philosoph Peter Danhauser (Petrus Abietiscola Nerimontanus) gab die von einem Freund in Padua erhaltene venezianische Ausgabe heraus und begleitete sie mit einer Schrift (Epistola ad Cassandram), in der er Cassandra überschwänglich lobte und sie aufforderte, ihm ihre Briefe zu schicken, damit er sie in Deutschland publiziere.31

Auch Olimpia Morata (Ferrara 1526–Heidelberg 1555) galt als enfant prodige und auch ihr Lebensweg durchkreuzte Deutschland, und zwar intensiver, als es bei Cassandra der Fall war. Sie war in den Altsprachen und in der Philosophie bewandert, sie hegte jedoch in erster Linie religiöse Interessen. Ihr Vater war ein berühmter, dem Calvinismus nahestehender Humanist am Hof der Este in Ferrara. Am Hof studierte Olimpia seit 1539 dank der Gemahlin des Großherzogs Ercole II., Renate aus Frankreich, zusammen mit der Tochter des Hauses, Anna. Betreut wurden die jungen Mädchen u. a. von Kilian und Johannes Senf (Sinapsius). Doch die Stimmung am Este-Hof schlug bald um. Die Katholiken gewannen wieder die Oberhand und es kam zum Bruch mit der Herzogin. Olimpia heiratete den deutschen Arzt Andreas Gundler und beide planten, sich nach Deutschland zu begeben. Und dies taten sie auch, als in Ferrara der für den Protestantismus eingetretene Handwerker Fanino Fanini (Faenza 1520–Ferrara 1550) der Häresie beschuldigt und nach langem Hin und Her zuerst aufgehängt und dann verbrannt wurde. Der bekannte Humanist Celio Secondo Curione (1503–1569), ein Freund von Olimpia und ein Opponent jeder religiösen Orthodoxie, pries das Ehepaar für die Entscheidung, solche Tyrannei zu verlassen, um in ein Land zu ziehen, „dove liberamente e sicuramente servir gli possano Dio ed honorarlo. Né debono ponto dubitare che il buon padre celeste non sia per esaudirgli come ha ← 187 | 188 → promesso“.32 Olimpia, ihr Mann und ihr achtjähriger Bruder Emilio machten Halt bei Humanisten in Kaufbeuren, bei Georg (Jörg) Hörmann, dem Ratgeber des Königs von Böhmen und Ungarn, Ferdinand, in Würzburg, bei Johannes Senf, und dann zogen sie nach Schweinfurth. Olimpia forschte weiter und lehrte privat Altgriechisch und Latein. Die politische Lage wurde aber immer unsicherer. Die Familie, bald gezwungen auch Schweinfurth zu verlassen, siedelte nach Heidelberg über, wo sie alle an der dort wütenden Pest starben.33

Ende des 16. Jahrhunderts erschienen dann in Venedig noch zwei Werke, die deutlich zeigen, wie sehr Frauen auch um eine vom ehelichen Leben unabhängige Rolle bemüht waren.

Die bürgerliche auch aus Venedig stammende Moderata Fonte (Modesta Dal Pozzo, Venedig 1555–1592) verfasste zwischen 1588 und 1592 ein heute berühmtes Traktat Il merito delle donne, das damals allerdings keine neue Auflage kannte und nicht übersetzt wurde.34 Moderata pries zwar die Hausfrauenrolle, aber gleichermaßen das Leben der Frauen ohne Männer. Sieben Frauen unterhalten sich in einem privaten Garten über das menschliche Schicksal und über Frauenleben. Witwen, verheiratete Frauen und Jungfrauen vertreten Positionen und Meinungen, die jeweils die Vorteile des eigenen Standes hervorheben. Mitten im Garten steht eine Quelle (eine ‚fonte‘, wie der Name lautet, den sich die Autorin zulegte), die den Ursprung jedes Lebens versinnbildlicht. Um sie herum versammeln sich die Frauen, und aus ihrer Konversation wird der Unterschied zwischen Männern und Frauen nur noch deutlicher, doch die „virtù“ der Frauen lassen eine „donna nuova“anvisieren, die ein jungfräuliches Leben führt. Sie ist „dimessa“und „colta“, demütig und gebildet, einsam, keusch und – bzw. aber – frei.35

Il Merito delle donne wurde postum von einem Onkel von Moderata herausgegeben, Nicolò Doglioni (1548–1629), der 1593 auch eine Biographie der Nichte als Vorwort zum Traktat schrieb und drucken ließ: Vita della Signora Modesta Pozzo de’ Zorzi nominata Moderata Fonte. Doglioni stand anderen Intellektuellen und Verlegern in Venedig nah, die sich durch ihre fortschrittlichen Positionen auszeichneten und ähnliche kulturelle Ziele verfolgten, ← 188 | 189 → darunter Giovan Battista Ciotti, der 1600 das Traktat einer weiteren venezianischen Frau, Lucrezia Marinelli (Lucrezia Marinella Vacca) (Venedig 1571-1653), herausgab: Della nobiltà, et eccellenze delle donne. Der Titel spielt offensichtlich auf Agrippas Traktat (De nobilitate et praecellentia foeminei sexus) an. 1601 wurde das Werk allerdings neu aufgelegt, und zwar mit einem geänderten Titel: La nobiltà et l’eccellenza delle donne co’ diffetti et mancamenti de gli huomini. Der neue Titel lässt erkennen, dass der Text von Marinelli, die ebenso wie Laura Cereta ein häuslich zurückgezogenes und kultiviertes Leben führte, aber rege Kontakte mit den Humanisten pflegte, auch als Antwort auf einen eben publizierten und tatsächlich mysoginen Text von Giuseppe Passi, I donneschi difetti (Venedig, 1599), konzipiert worden war. In ihrem Vorwort, Divisione di tutto il discorso, weist Marinelli explizit darauf hin, ebenso verweist sie auf Aristoteles, den sie als Ursprung der misogynen Haltung der abendländischen Kultur betrachtet.

Auch in diesem Fall kommt es zu keiner deutschen Übersetzung, obwohl Marinelli sich, wie Olimpia Morata, an den religiösen Auseinandersetzungen der Zeit beteiligte und ihre Positionen das deutsche Publikum hätten interessieren können. Wie Olimpia Morata distanzierte sich Marinelli von der katholischen Orthodoxie, und wenn sie nicht zum Protestantismus übertrat, so stand sie doch hermetischen und pansophischen Positionen wie denen von Francesco Zorzi (Venedig 1466–Asolo 1540) und Giulio Camillo (Delmino, Portogruaro, um 1480–Mailand 1544) in Italien und des Agrippa in Deutschland, nahe.36 Allerdings gab es sowohl in Italien als auch in Deutschland für solche Positionen Ende des 16. Jahrhunderts keine breite Sympathie mehr.

Marinelli befürwortet jedenfalls für die Frau eine neue Rolle in der Gesellschaft, und zwar auch in Bereichen, die bis dahin dem Mann vorbehalten worden waren.37 Wieder eine inakzeptable Position, im katholischen Italien wie im protestantischen Deutschland. Marinelli selbst verfasste fast 50 Jahre später ein neues Traktat, Essortatione alle donne et a gli altri se a loro saranno a grado. Parte prima (Venedig 1645), die zuerst einer Rücknahme der in der Jugendschrift La nobiltà et l’eccellenza delle donne verteidigten ← 189 | 190 → Einstellungen gleichkommt. Die Autorin behauptet nun, die Frau müsse sich dem Willen Gottes fügen, und dies meint, sich dem Manne unterzuordnen, in erster Linie dürfe sie keine literarische Ambitionen hegen. Moderne Forscher heben den Gegensatz zwischen Inhalt und Argumentation hervor, denn, um ihre Ablehnung der kultivierten Frauen zu formulieren, schreibt Marinelli als Frau selbst ein kultiviertes literarisches Traktat mit zahlreichen Hinweisen auf die Autorität bekannter Schriftsteller. Die Dichotomie ist evident und sie mag letztendlich die Aufgabe haben, die von gesellschaftlichen Zwängen der Autorin oktroyierten Positionen indirekterweise zu widerlegen.

Ehetraktate und Frauentraktate können parallel untersucht werden, sie brauchen nicht aufeinander bezogen werden. Welche Rolle, bzw. ob sie eine Rolle für Bildung und Kultur in der Frühneuzeit gespielt haben, versuchte der vorliegende Aufsatz zu zeigen. Festgestellt wurde ein enormer Erfolg der Ehetraktate, die in deutschsprachigen Ländern einer Moralisierung im religiösen Sinn auf Kosten der Sachlichkeit der lateinischen Vorlagen unterzogen wurden; ebenso ein plötzliches Aufblühen der Frauentraktate in Italien, die in Deutschland nicht rezipiert und auch in Italien schließlich ignoriert wurden, denn auch in Italien gab es außerhalb der Kirche keinen dauerhaften Raum für kultivierte Frauen, die nicht in ehelichen Verhältnissen lebten.38 Die von Männern und Frauen getragene Denkweise, die sich vor allem in Venedig am Ende des 16. Jahrhunderts breitgemacht hatte, konnte sich nicht durchsetzten.39

Bezieht man aber dennoch die Rezeption der Ehetraktate und der Frauentraktate aufeinander, kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, dass der Erfolg der Ehetraktate auch dadurch zu erklären ist, dass diese u.a. als Instrument zur Bekämpfung der Frau als kultiviertes und vor allem selbstständiges Individuum eingesetzt wurden, in katholischen genauso wie in protestantischen Gebieten. Und der Kampf muss überall hart gewesen sein, sonst wären so viele Übersetzungen und Umarbeitungen nicht ans Licht gekommen. ← 190 | 191 →

Literatur

Ausgaben

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Francesco Barbaro: De re uxoria liber in partes duas. Hg. Attilio Gnesotto. Reale Accademia di Scienze Lettere ed Arti 32 (1915–16), Padua. (Percy Gothein: Francesco Barbaro: Das Buch von der Ehe [“De re uxoria”], Die Runde, Berlin 1933). Digitalisierte Ausgabe unter: <http://urn:nbn:de:s2w-6179>.

Poggii Bracciolini Florentini: Dialogus, An seni sit uxor ducenda. Circa AN. 1435 Conscriptus. Edente Gulielmo Shepherd, Liverpool, 1807.

Erasmus Alberus: Eyn gůt bůch von der Ehe, Haganaw 1536. Digitalisierte Ausgabe unter: <http://reader.digitale-sammlungen.de/bsb10169023>.

Translationen von Niclas von Wyle. Hg. von Adalbert von Keller. Stuttgart 1861 (Nachdruck Hildesheim, 1967).

Galeazzo F. Capra: Della eccellenza e dignità delle donne. Hg. Maria Luisa Doglio. Neudruck Roma, Bulzoni, 1988, 22001. Digitalisierte Ausgabe unter: <http://it.wikisource.org/wiki/Della_eccellenza_e_dignità_delle_donne>.

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Moderata Fonte: Il merito delle donne, scritto […] in due giornate. Ove chiaramente si scuopre quanto siano elle degne, e più perfette de gli uomini, Venedig 1600. Digitalisierte Ausgabe unter: <http://badigit.comune.bologna.it/books/Moderata_Fonte/scorri.asp>. Dt. Übersetzung: Das Verdienst der Frau. Hg. Daniela Hacke. Beck, München, 2001.

Lucrezia Marinelli: La nobiltà et eccellenze delle donne et i diffetti e mancamenti de gli hvomini, Venedig 1600. Digitalisierte Ausgabe unter: <http://badigit.comune.bologna.it/books/marinelli/scorri.asp>. Engl. Übersetzung: The nobility and excellence of women and the defects and vices of men. Hg. A. Dunhill, Vorwort von L. Panizza, Chicago, 1999.

Forschungsliteratur

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Dies.: Superiore perché inferiore: il paradosso della superiorità della donna in alcuni trattati italiani del Cinquecento. In: Vanna Gentile (Hg.): Trasgressione tragica e norma domestica. Esemplari di tipologie femminili dalla letteratura europea. Edizioni di storia e letteratura, Rom, 1983.

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Rüdiger Schnell (Hg.): Text und Geschlecht. Mann und Frau in Eheschriften der frühen Neuzeit. Suhrkamp, Frankfurt a. M., 1997.

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Ders.: Sexualität und Emotionalität in der vormodernen Ehe. Böhlau, Köln / Weimar / Wien, 2002.

Rita Svandrlik: Il mito di Olimpia Morata nella cultura tedesca tra Ottocento e Novecento. In: Schifanoia, 28/29 (2005), 349–354. ← 193 | 194 → ← 194 | 195 →

1Vgl. Michael Dallapiazza: minne, hûsêre und das ehelich leben. Zur Konstitution bürgerlicher Lebensmuster in spätmittelalterlichen und frühhumanistischen Didaktiken. Frankfurt a. M. / Bern 1981. Rüdiger Schnell (Hg.): Text und Geschlecht. Mann und Frau in Eheschriften der frühen Neuzeit. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1997. Rüdiger Schnell (Hg.): Geschlechterbeziehungen und Textfunktionen. Studien zu Eheschriften der Frühen Neuzeit. Niemeyer, Tübingen 1998 (= Frühe Neuzeit 40). Ingrid Bennewit / Thomas Anz (Hgg.): Abhandlungen zum Rahmenthema XXXIV. Geschlechterrollen in familiären Beziehungen in der deutschen Literatur. Erste und zweite Folge. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik 32 (2000), Heft 1, 8–18; 33 (2001) Heft 1, 7–111, 143–185; 36 (2004), 47–196. Manuel Braun: Disziplinierung durch disziplinlose Texte? Der moraltheologische Ehediskurs und ein Leitparadigma der Frühneuzeitforschung. In: Daphnis 31 (2002), 413–467.

2Weitere Angaben bei Erika Kartschoke (Hg.): Repertorium deutscher Ehelehren der Frühen Neuzeit. 2. Bde. Akademie Verlag, Berlin, 1996.

3Vgl. Rüdiger Schnell: Frauendiskurs, Männerdiskurs, Ehediskurs. Textsorten und Geschlechterkonzepte in Mittelalter und Früher Neuzeit. Campus, Frankfurt a. M./ New York, 1998.

4Vgl. Francine Daenens: Doxa e Paradoxa: uso e strategia della retorica nel discorso sulla superiorità della donna. In: Sulla scrittura. Percorsi critici su testi letterari del XVI secolo. Nuova dwf (donnawomanfemme), 25/26 (1985), 27–38.

5Vgl. Francesco Barbaro: De re uxoria liber in partes duas. Hg. Attilio Gnesotto. Reale Accademia di Scienze Lettere ed Arti 32 (1915–16), Padua. Eine moderne deutsche Übersetzung besorgte Percy Gothein: Francesco Barbaro: Das Buch von der Ehe (“De re uxoria”), Die Runde, Berlin 1933 (Digitalisierte Ausgabe unter: urn:nbn:de:s2w–6179. Weitere bibliographische Angaben zur Forschungsliteratur in: Compendium Auctorum Latonorum Medii Aevi (500–1500) III.4, SISMEL Edizioni del Galluzzo, Florenz, 2010, 390–397.

6Vgl. Paul Stephenson (Hg.): The Byzantine World. Oxon, New York, 2010, 435ff.

7Vgl. Sister Prudence Allen: The Concept of Woman. 2 Bde., William B. Eerdmans Publishing Company, Grand Rapids-Cambridge, 2002. Bd. 2: The Early Humanist Reformation, 1250–1500, 712ff.

8Vgl. Manfred Lentzen: Auffassungen über Ehe und Familie in Francesco Barbaro „De re uxoria“ (1415) und Albrecht von Eybs „Ehebüchlein“ (1472). Textstruktur und Textfunktion in Deutschland und Italien in ihren wechselseitigen Beziehungen während der Renaissance. In: Bodo Guthmüller (Hg.): Deutschland und Italien in ihren wechselseitigen Beziehungen während der Renaissance. Harrassowitz, Wiesbaden, 2000, 45–60.

9Carola Collier Fricks: Francesco Barbaro’s De re uxoria. A Silent Dialogue for a Young Medici Bride. In: Dorothea Heitsch / Jean-François Vallée (Hgg.): The Renaissance Culture of Dialogue. University of Toronto Press, Toronto, 2004, 193–205, hier S. 199f.

10Poggii Bracciolini Florentini: Dialogus, An seni sit uxor ducenda. Circa An. 1435 Conscriptus. Edente Gulielmo Shepherd, Liverpool, 1807.

11Rüdiger Schnell: Sexualität und Emotionalität in der vormodernen Ehe. Böhlau, Köln/Weimar/Wien, 2002, hier S. 162f.

12Lentzen (Anm. 8), hier S. 55.

13Translationen von Niclas von Wyle. Hg. von Adalbert von Keller. Stuttgart 1861. Translatio Nr . VI, 123–144.

14Erasmus Alberus: Eyn gůt bůch von der Ehe, Haganaw 1536. Bayerische Staatsbibliothek digital (<http://reader.digitale-sammlungen.de/bsb10169023>, 21.07.2013).

15Bodo Guthmüller (Anm. 7), Vorwort, 1–8, hier S. 1–2.

16Lentzen (Anm. 8), hier S. 53. Zu Texten vor und nach der Reformation vgl. auch Helmut Puff: „[…] ein schul/ darinn wir allerlay Christen tugend vnd zucht lernen.“ Ein Vergleich zweier ehedidaktischer Schriften des 16. Jahrhunderts. In: Schnell (Hg.): Geschlechterbeziehungen [Anm. 1], 59–88.

17Hier ein Beispiel: Atqui, inquam ego, tu caeteros forsan ex tua natura judicas, qui semper uxoris nomen tanquam Sisyphi saxum exhorruisti; nescius quid in ea sit commodi et voluptatis, quae, si cui dulcis est, tum maxime senibus procuranda. Mihi quidem ad hunc diem nulla satietas, nulla poenitentia uxoris coepit: quin potius ita in illa consolor, ita laetor indies magis, ut qui absque uxore vivant, penitus stultus putem, judicemque eum qui uxoris commodo caret, maximo omnium bono carere. (De re uxoria, S. 3).

Darvf ich redt. du richtest villicht ander menschen nach diner nature, der allwegen geschücht vnd geflochen hast den namen ains ewybs glycher wyse als den staine Sisiffi, vnwissend was gemachs vnd wollusts in ainem eewybe ist, die ob sy yemant gemachsam vnd zufröiden ist, den alten aller frölichest ist. dann mich bis vf disen hüttigen tage, nie kain verdriesz satung noch rüwe mines ewybs vmbfangen hat, dann daz ich mer in Ir getröst wirt vnd mich von tag zu tage mer vnd mer also erfröwen, daz ich ainen yetklichen mane der an ain eewyb lebt, schetz sin ainen toren, vnd richt den, der ains eewybs mangelt, mangeln des grösten gütes alles güten. (Translatzen, S. 129).

18[…] zu der zeit/alß dz büchlin geschriben ist, hatt man nit so fein von der Ehe künden reden/wie yetzundt/das machet der Bäpstliche grewel […] das michs gleich wunder hatte/ das dannoch dieser Franciscus so vil guts von der Ehe gehalten vnd geschribe hat (2,2).

19Vgl. die deutsche Ausgabe Jan Amos Komensky: Informatorium der Mutterschaft. Hg. Franz Hofmann. Reclam, Leipzig, 1987.

20Vgl. Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Bd. 1: 15. bis 17. Jahrhundert. Von der Renaissance und der Reformation bis zum Ende der Glaubenskämpfe, Hg. von Notker Hammerstein. Beck, München, 1996.

21Joan Kelly-Gadol: Did women have a Renaissance? In: Renate Bridenthal / Claudia Koontz (Hgg.): Becoming Visible: Women in European History. Boston, 1977 (dt.: Gab es die Renaissance für Frauen? In: Barbara Schäffer / Hegel, Barbara Watson Franke (Hgg.): Männer Mythos Wissenschaft. Grundlagentexte zur feministischen Wissenschaftskritik. Centaurus, Pfaffenweiler, 1989, 33–65 [=Feministische Theorie und Kritik 1]).

22Die italienischen Texte sind sehr zahlreich, z. B.: Sperone Speroni, Della dignità delle donne, Venedig 1542 e In lode delle donne, Venedig 1596; Bernardo Spina, Illustrazione della eccellenza delle donne, Mailand 1544; Vincenzo Maggi, Un breve trattato dell’eccellenza delle donne, Brescia 1545; Lodovico Dolce, Dialogo […] della istitution delle donne. Venedig 1545; Ortensio Lando, Lettere di molte valorose donne, nelle quali chiaramente appare non esser ne di eloquentia ne di dottrina alli huomini inferiori / Venedig 1548; Lodovico Domenichi, La nobiltà delle donne, Venedig 1549, wahrscheinlich ein Plagiat von Domenico Bruni, Difesa delle donne, Florenz 1552; Luigi Dardano, La bella e dotta difesa delle donne in verso, e prosa, di Messer Luigi Dardano […] contra gli accusatori del sesso loro, con un breue trattato di ammaestrare li figliuoli, Venedig 1554. Girolamo Zabata, Ragionamento di sei nobili fanciulle genovesi, le quali con assai bella maniera de dire discorrono di molte cose allo stato loro appartenenti, Pavia 1585.

23Vgl. Adriana Chemello: Weibliche Freiheit und venezianische Freiheit. Moderata Fonte und die Traktatliteratur über Frauen im 16. Jahrhundert. In: Querelles. Jahrbuch für Frauenforschung. Die europäische Querelles des Femmes. Geschlechter-Debatten seit dem 15. Jahrhundert. 25/26 (1997), 239–268.

24So bei Capra und Agrippa. Vgl. Fancine Daenens (Anm. 4). Dazu auch Maria Luisa Doglio: Introduzione. In: G. F. Capra: Della eccellenza e dignità delle donne. Hg. M. L. Doglio. Roma, Bulzoni, 22001, 13–62. Maria Cristina Figorilli: Meglio ignorante che dotto. L’elogio paradossale in prosa nel Cinquecento. Liguori, Neapel, 2008.

25Daenanes (Anm. 4), hier S. 29 und 34. Gisela Bock weist darauf hin, dass Frauen zuerst Abstraktionen waren, entweder Teufel oder Engel – Paradoxa eben – dann aber begann sich eine Ablösung von der polaren und paradoxen Bilderwelt zu entwickeln, und die Ablösung mag ihren offiziellen Anfang mit Capra haben. Gisela Bock: Frauen in der Europäischen Geschichte. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. C. H. Beck, München, 2000, hier S. 13ff.

26Vgl. Adriana Chemello (Anm. 23).

27Margaret King: Thwarted Ambitions. Six Learned Women of the Italian Renaissance. In: Soundings: An Interdisciplinary Journal 59, no. 3. (1976), 280–304. Allen (Anm. 7), hier S. 944.

28Anna Pacifico: Il peccato di Isotta. In: A. Pacifico: Isotta Nogarola. Opera. Le epistole, il Dialogo, le Orazioni. Edizioni Valdonega, Verona, 2011.

29Sie zeichnen sich auch durch ihren stilistischen Nonkonformismus aus. D. Robin sieht das Antiklassizistische ihres Stils als Merkmal ihrer Unabhängigkeit, während M. Palma es als Zeichen mangelnder Bildung wertet. Diana Robin: Cereta, Laura. In: Encyclopedia of Women in the Renaissance. Italy France and England. Hg. von Diana Robin / Anne R. Larsen / Carole Levin. Santa Barbara, 2007, 74–76. Palma, M.: Cereto (Cereta, Cereti), Laura. In: Dizionario biografico degli Italiani. Vol. 23 (1979), 729f.

30Wahrscheinlich aus finanziellen Gründen heiratete die sehr kultivierte Frau um 1500 den Arzt Giammaria Mapelli, und mit ihm siedelte sie 1515 nach Kreta. Bei der Rückreise kam es zum Schiffsbruch und sie verloren all ihre Güter. 1520 starb der Mann und Cassandra befand sich wieder in größter Not. Vgl. F. Pignatti: Fedele Cassandra. In: Dizionario biografico degli italiani. Vol. 45 (1995).

31Die Ausgabe enthält auch eine Ode, In Apollinem, von Konrad Celtis, der sich zwischen 1487 und 1489 in Italien aufhielt.

32Celio Secondo Curione a tutti quelli che amano Gesù Christo e l’Evangelio suo. In C. S. Curione: Quattro lettere christiane con un paradosso, sopra quel detto “Beati quegli che piangono” et un Sermone o ver discorso de l’oratione et uno della Giustificatione, nuovamente posti in luce a consolatione e confermatione de le pie persone, Pietro e Paulo Perusini Fratelli, Bologna 1552 (wahrscheinlich falsche Orts- und Jahresangaben), hier S. 49.

33Zu Olimpia Morata vgl. auch Rita Svandrlik: Il mito di Olimpia Morata nella cultura tedesca tra Ottocento e Novecento. In: Schifanoia, 28/29 (2005), 349–354.

34Vgl. die heutige Übersetzung: Moderata Fonte: Das Verdienst der Frau. Hg. Daniela Hacke. Beck, München, 2001; vgl. auch die Einleitung von Hacke, 11–55.

35Vgl. Chemello (Anm. 23).

36So meint Marinelli, der Mensch habe einen irdischen Weg vor sich, am Ende des Weges stünden die eigene Hinwendung („rivolgimento“) zu Gott, der Liebe ist, und die eigene „deificatio“, die durch geistige und affektive Askese zu erlangen sei. 1597 erschien Vita del serafico, et glorioso S. Francesco, danach die Rede Rivolgimento amoroso, verso la somma bellezza. Beide knüpfen an die Renaissance-Tradition der pia philosophia an, die in Venedig im 16. Jahrhundert mehrere Vertreter hatte. Vgl. P. Zaja: Marinelli, Lucrezia. In: Dizionario Biografico degli Italiani. Volume 70 (2007).

37Vgl. L. Marinelli: The nobility and excellence of women and the defects and vices of men. Hg. A. Dunhill, Vorwort von L. Panizza, Chicago, 1999.) Vgl. Zaja (Anm. 36).

38Vgl. Sonja Domröse: Frauen der Reformationszeit. Gelehrt, mutig und glaubensfest. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2010, hier S. 145.

39Vgl. dazu Barbara Becker-Cantarino: Renaissance oder Reformation? Epochenschwellen für schreibende Frauen und die Mittlere Deutsche Literatur. In: Chloe 33 (1997): Das Berliner Modell der Mittleren deutschen Literatur. Tagung Kloster Zinna 29.9.–01,10,1997, 69–86.

Kultivierte Frauen gab es selbstverständlich ohnehin südlich und nördlich der Alpen, wie z. B. der Fall von Argula von Grumbach (1492–1568), verheiratet und Mutter von vier Kindern, beweist. Sie stritt u. a. mit den Professoren der Ingolstädter Universität und trat für Luthers Thesen ein. Man muss aber noch lange warten, bis eine Frau in Deutschland auf das Recht auf Studium und auf ein intellektuelles Leben öffentlich bestand. Vgl. Dorothea Christiane Leporin (1715–1762): Gründliche Untersuchung der Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom Studiren abhalten. J. A. Rüdiger, Berlin, 1742.