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Kann Literatur Zeuge sein?- La littérature peut-elle rendre témoignage ?

Poetologische und politische Aspekte in Herta Müllers Werk - Aspects poétologiques et politiques dans l’œuvre de Herta Müller

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Dorle Merchiers, Jacques Lajarrige and Steffen Höhne

Kann Literatur Zeuge sein? Diese Frage steht im Zentrum der vorliegenden Kongressakten, die aus der Tagung über Herta Müller im November 2012 in Montpellier hervorgegangen sind. Dabei wird das Werk von Herta Müller aus unterschiedlichen und komplementären Blickwinkeln betrachtet: von der Geschichte und der Kulturgeschichte aus, der Ästhetik und der Politik, der Linguistik und der Poetologie, der Psychologie und der Philosophie. Diese Perspektiven verbinden und ergänzen sich, sie beleuchten Spuren einer Ästhetik des Widerstands, die sich in Müllers Werk immer wieder manifestiert, und versuchen gleichzeitig auch erinnerungskulturelle und postkoloniale Fragestellungen auszuloten.
La littérature peut-elle rendre témoignage ? Cette question est au centre du présent volume, qui réunit les actes d’un colloque sur Herta Müller, organisé en novembre 2012 à Montpellier. Les approches sont diverses et complémentaires : historiques et culturelles, esthétiques et politiques, linguistiques et poétologiques, psychologiques et philosophiques. Ces différentes perspectives se conjuguent pour dégager les traces d’une esthétique de la résistance qui se manifeste en de nombreux endroits de l’œuvre de Herta Müller et pour tenter de répondre aux questionnements liés aux cultures de la mémoire et au post-colonialisme.
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Vom Aufblitzen und Abtauchen. Zeugnis und Imagination im Werk Herta Müllers: Paola Bozzi

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PAOLA BOZZI

Vom Aufblitzen und Abtauchen. Zeugnis und Imagination im Werk Herta Müllers

Die Begriffe Zeuge, Zeugnis und Zeugenschaft erleben seit den letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts eine anhaltende Konjunktur. Dabei hat die paradigmatische Verbindung von Zeugenschaft und Holocaust auf dem Wege der Analogiebildung viele neue Anwendungsfelder erzeugt. Durch Übertragung der an der Shoah gewonnenen Begrifflichkeit geht es darum, anderen traumatischen Erfahrungen in der Geschichte ebenfalls mediale Aufmerksamkeit und politische oder ethische Anerkennung zu verschaffen, indem man sie aus der Verdrängung herausholt, in unsere Kultur eingliedert und der Trauer zugänglich macht.1 Es handelt sich also um Erinnern im Sinne des Aufrechterhaltens eines moralischen Bewußtseinszustands in eine unbestimmte Zukunft hinein. Hier schließt sich sogleich die Frage an, wie diese Festschreibung zu gewährleisten ist. Ist der Mensch diesem Projekt überhaupt gewachsen? Nietzsche hat die Frage bereits in seiner Genealogie der Moral gestellt: „Wie prägt man diesem teils stumpfen, teils faseligen Augenblicks-Verstande, dieser leibhaften Vergeßlichkeit etwas so ein, daß es gegenwärtig bleibt?“2 Eine Theorie bzw. Kultur der Erinnerung greift zu kurz, solange darin dem konkreten individuellen Erinnern kaum Gewicht beigemessen wird.

Herta Müller repräsentiert und reflektiert sowohl die traumatischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts in Europa als auch die kulturelle Andersheit des osteuropäischen Raumes; sie fühlt sich verpflichtet, darüber zu schreiben3 und ihre Abneigung gegen alle Formen von Autoritarismus zu zeigen. Ihre konstante Beschäftigung mit dem Totalitarismus, ihr Engagement als Enthüllerin...

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