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Kann Literatur Zeuge sein?- La littérature peut-elle rendre témoignage ?

Poetologische und politische Aspekte in Herta Müllers Werk - Aspects poétologiques et politiques dans l’œuvre de Herta Müller

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Dorle Merchiers, Jacques Lajarrige and Steffen Höhne

Kann Literatur Zeuge sein? Diese Frage steht im Zentrum der vorliegenden Kongressakten, die aus der Tagung über Herta Müller im November 2012 in Montpellier hervorgegangen sind. Dabei wird das Werk von Herta Müller aus unterschiedlichen und komplementären Blickwinkeln betrachtet: von der Geschichte und der Kulturgeschichte aus, der Ästhetik und der Politik, der Linguistik und der Poetologie, der Psychologie und der Philosophie. Diese Perspektiven verbinden und ergänzen sich, sie beleuchten Spuren einer Ästhetik des Widerstands, die sich in Müllers Werk immer wieder manifestiert, und versuchen gleichzeitig auch erinnerungskulturelle und postkoloniale Fragestellungen auszuloten.
La littérature peut-elle rendre témoignage ? Cette question est au centre du présent volume, qui réunit les actes d’un colloque sur Herta Müller, organisé en novembre 2012 à Montpellier. Les approches sont diverses et complémentaires : historiques et culturelles, esthétiques et politiques, linguistiques et poétologiques, psychologiques et philosophiques. Ces différentes perspectives se conjuguent pour dégager les traces d’une esthétique de la résistance qui se manifeste en de nombreux endroits de l’œuvre de Herta Müller et pour tenter de répondre aux questionnements liés aux cultures de la mémoire et au post-colonialisme.
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„An ihr können wir gutmachen, was wir einander antun.“ Figurenkonstellationen in Herta Müllers Roman Atemschaukel: René Kegelmann

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RENÉ KEGELMANN

„An ihr können wir gutmachen, was wir einander antun.“ Figurenkonstellationen in Herta Müllers Roman Atemschaukel

Thematisiert wird in Herta Müllers Roman Atemschaukel1 die massenweise Deportation Angehöriger der deutschen Minderheit in Rumänien in das Arbeitslager Nowo Gorlowka (gelegen zwischen Dnejpropetrowsk und Donetzk) in der Ukraine gegen Ende des Zweiten Weltkriegs.2 Aus der Perspektive des Protagonisten Leopold Auberg wird die Fahrt von Hermannstadt (Rumänien) in das Lager in der Ukraine und schließlich ein geschlossener totalitärer, aber auch topographisch sehr präzise lokalisierbarer Lagerkosmos3 geschildert, der von extremen Machstrukturen und entsprechenden Hierarchisierungen geprägt ist, von Überwachung und Strafe, Stillstand, Angst, Hunger und Sprachlosigkeit. Es handelt sich um ein größeres Arbeitslager mit fünf Arbeitsbataillonen, die jeweils aus etwa 500 bis 800 Internierten bestehen. Entsprechend dem Zwangscharakter des Lagers kommen Figuren im Roman im Wesentlichen als Gruppen und Funktionen innerhalb eines unentrinnbar abgedichteten Kreislaufs vor, so beispielsweise als Gruppe der Kalkfrauen (die Pferdewagen mit Kalkbrocken ziehen) oder als Gruppe der Aufseher, und in Funktionen wie der des Kapos, der Kleiderverwalterin, der Brotausgeberin, des Friseurs etc.

Der unentrinnbare Kreislauf des Lagers schreibt bestimmte Verhaltensweisen, deren Leitlinien mit extremen Machtstrukturen und entsprechender Hierarchisierung zu beschreiben sind, auf allen Seiten vor. Kollektiv unter ← 333 | 334 → laufen lässt sich das „System ‚kalter‘ Zweckrationalität“4 nur in einzelnen Punkten, so beispielsweise auf Seiten der Internierten bei der durch den Hunger diktierten Schnelligkeit bei der Weiterverwertung von Kleidung der Toten:...

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