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Der Konjunktiv im Schweizerdeutschen

Empirische Studien zu Stabilität und Wandel im deutschen Modussystem

Michael Wilde

Der schweizerdeutsche Konjunktiv kann sich besser gegen den Indikativ behaupten als der standarddeutsche, dessen Formen vielfach mit denjenigen des Indikativs zusammenfallen. Häufig hat man darin den Grund für die besondere Vitalität des schweizerdeutschen Konjunktivs gesehen. Doch wie lebendig ist er in der aktuellen Sprachverwendung wirklich? Welche räumlichen Gliederungen innerhalb der schweizerdeutschen Dialektlandschaft ergeben sich im Zusammenhang mit dem Konjunktiv? Wie unterscheidet sich sein Formen- und Verwendungsspektrum von dem des standarddeutschen Konjunktivs? Welche Rolle spielt die analytische Bildung des Konjunktivs Präteritum und welches Hilfsverb wird dafür verwendet? Diese und weitere Fragen werden auf der Basis selbsterhobener Daten diskutiert.
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5 Gebrauch des Konjunktivs Präsens in Nebensätzen

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5.1 Konjunktiv Präsens nach Einstellungsprädikaten

5.1.1 Problemstellung

Korpusbeleg (36) verdeutlicht das im Folgenden besprochene Phänomen:

(36) Ich nime aa, Si siged guet naachegchuu (KolGL107)

‚Ich nehme an, Sie seien gut nachgekommen‘

Im Schweizerdeutschen kann demnach nach Prädikaten wie ‚ich nehme an, dass‘ das Finitum im Konjunktiv Präsens stehen. Ebenso ist Konjunktiv möglich nach ‚ich glaube/meine/hoffe, dass‘ (weitere Belege folgen im nächsten Unterkapitel 5.1.2, S. 114). In der Literatur zum standarddeutschen Konjunktiv wird dagegen vielfach angenommen, dass dort der Konjunktiv in vergleichbaren Nebensätzen nicht stehen kann (vgl. z. B. Küffner 1978: 171; Buscha/Zoch 1984: 38; Confais 1989: 34; Lohnstein 2000: 103; Bernhardt/Pedersen 2007: 158; Duden 2009: 532; Weydt 2009: 219; Nordström 2010: 136). Es ist also von Interesse zu klären, wie die unterschiedlichen Distributionsbedingungen im Standard vs. im Schweizerdeutschen motiviert sind. In einem thesenhaften Aufriss lassen sich die Überlegungen, die nachfolgend dazu ausgeführt werden, wie folgt zusammenfassen:

Im Schweizerdeutschen kann ein Konjunktiv Präsens nach Einstellungsprädikaten (‚annehmen‘, ‚glauben‘ usw.) auftreten, der nicht als „Referatkonjunktiv“ anzusehen ist. Vielmehr ist sein Auftreten gebunden an Prädikate, die einen eingeschränkten Gewissheitsgrad des Sprechers gegenüber dem Sachverhalt anzeigen. Diese Prädikate dienen der epistemischen Modalisierung des Sachverhalts, der Konjunktiv begleitet diese Modalisierung. Damit wird eine Grundfunktion des Konjunktivs genutzt, dessen übereinzelsprachliche Kategorienbedeutung sich als „gebrochene Realität“ (vgl. Weydt 2009) beschreiben lässt. Der Konjunktiv nach...

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