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Den Himmel öffnen …

Bild, Raum und Klang in der mittelalterlichen Sakralkultur

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Edited By Therese Bruggisser-Lanker

In seiner ersten Übersetzung der Artes-liberales-Enzyklopädie des Martianus Capella hat Notker der Deutsche aus dem Kloster St. Gallen um das Jahr 1000 festgehalten, dass die freien Künste dem Menschen den Himmel öffnen. Zu ihnen gehörte auch die Musik, die ihren letzten Sinn aus der Analogie zur vollkommenen Harmonie der zahlhaften Struktur des Kosmos bezog, dem konstitutiven Prinzip absoluter Schönheit und Ausgewogenheit. Im Akt des anagogischen Aufstiegs zur höchsten und innersten Wahrheit – ausgehend von der Wahrnehmung im Sinnesvermögen – prägte sich in der Meditation der göttlichen Geheimnisse im inneren Hören und Sehen ein Ethos aus, das als Seelenbildung den ganzen Menschen erfassen sollte. Die künstlerischen Ausdrucksformen dienten dazu, unter Wahrung der Transzendenz dem Göttlichen eine mediale Präsenz im Diesseits zu verleihen, die sich in der Ästhetik des Ritus wie der Architektur und Ausstattung der Kirche verdichtete. Dieser Bedeutungsraum der Andacht spiegelt das geistige Sinngebäude des Mittelalters, das sich vom Irdischen zum Himmlischen weitet und das Erschaffene auf das Ewige hin transparent macht.
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Mittelalterliche Kunst zwischen Wahrheitssuche, Gotteserfahrung und Ewigkeitssehnsucht

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Die Rede vom Himmel, wie sie die mittelalterlichen Imaginationen und Spekulationen inspirierte, beruft sich auf verschiedenste biblische Erwähnungen, in erster Linie aber auf den Schöpfungsbericht gleich zu Beginn der Heiligen Schrift als dem einen grossen Ursprungsmythos, ohne den das eigene Dasein nicht zu begreifen war. In principio creavit Deus caelum et terram – «Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.» (Gen 1,1) Himmel und Erde sind beide Teil der gesamten Schöpfung, die nach diesem Bekenntnis durch Gott gestiftet ist und in die Christus – so die Erweiterung im Neuen Testament – als Sohn Gottes hineingenommen ist: «Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung. Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten [Engel verschiedener Hierarchiestufen]; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen. Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm. Und er ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde. Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit er in allem der Erste sei. Denn es hat Gott wohlgefallen, dass in ihm alle Fülle wohnen sollte und er durch ihn alles mit sich versöhnte, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.» (Kol 1,15–20) Durch Christus, inkarniert als Sohn Gottes, sind Erde und Himmel gleichsam transparent geworden. In...

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