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Den Himmel öffnen …

Bild, Raum und Klang in der mittelalterlichen Sakralkultur

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Edited By Therese Bruggisser-Lanker

In seiner ersten Übersetzung der Artes-liberales-Enzyklopädie des Martianus Capella hat Notker der Deutsche aus dem Kloster St. Gallen um das Jahr 1000 festgehalten, dass die freien Künste dem Menschen den Himmel öffnen. Zu ihnen gehörte auch die Musik, die ihren letzten Sinn aus der Analogie zur vollkommenen Harmonie der zahlhaften Struktur des Kosmos bezog, dem konstitutiven Prinzip absoluter Schönheit und Ausgewogenheit. Im Akt des anagogischen Aufstiegs zur höchsten und innersten Wahrheit – ausgehend von der Wahrnehmung im Sinnesvermögen – prägte sich in der Meditation der göttlichen Geheimnisse im inneren Hören und Sehen ein Ethos aus, das als Seelenbildung den ganzen Menschen erfassen sollte. Die künstlerischen Ausdrucksformen dienten dazu, unter Wahrung der Transzendenz dem Göttlichen eine mediale Präsenz im Diesseits zu verleihen, die sich in der Ästhetik des Ritus wie der Architektur und Ausstattung der Kirche verdichtete. Dieser Bedeutungsraum der Andacht spiegelt das geistige Sinngebäude des Mittelalters, das sich vom Irdischen zum Himmlischen weitet und das Erschaffene auf das Ewige hin transparent macht.
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«Englische» und irdische Musik im 15. Jahrhundert

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← 84 | 85 →WOLFGANG FUHRMANN

Als der kastilische Edelmann Pero Tafur (ca. 1410–vor 1484) im Jahre 1438 die Reichsstadt Basel besuchte, wo soeben das große Konzil stattfand, da begab er sich zur Kurierung einer alten Wunde in einen nahe gelegenen Badeort, den er lediglich als «Heilige Quellen» bezeichnete; möglicherweise Baden im Aargau. Und hier hielt Pero Tafur folgenden Eindruck fest: «Das Volk daselbst kann durchweg gut singen, bis zu den gemeinen Leuten herab singen sie kunstgemäß dreistimmig wie geübte Künstler.»1 Es ist die einzige Bemerkung in Pero Tafurs Reisebericht, die sich eindeutig auf Polyphonie bezieht – obwohl der weitgereiste Autor auch über die italienischen Kommunen und Adelssitze und die frankoflämischen Handelszentren zu berichten weiß. Es erscheint kaum glaubhaft, dass Tafur nicht etwa in Brügge, im Ferrara des Niccolo d’Este, beim Basler Konzil oder dem Ökumenischen Konzil in Florenz polyphone Kunstmusik gehört hätte – bewegte er sich doch durchwegs in den höchsten Kreisen, lernte den Herzog von Burgund, Philipp den Guten, Papst Eugen IV., den deutschen König Albert II., den Kaiser von Konstantinopel Johannes Palaiologos und sogar den Großen Türken kennen. Und als Angehöriger des kastilischen Adels, aus Córdoba gebürtig, wird Tafur die Kunstmäßigkeit des Gesangs – das «cantar por arte» – zweifellos zu beurteilen gewusst haben.

Dass ihm gerade und nur hier eine Bemerkung dazu angebracht erschien, liegt wohl einerseits an dem ganz profanen Kontext, denn unmittelbar zuvor kommentierte Tafur befremdet den bei...

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