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Theorie²

Potenzial und Potenzierung künstlerischer Theorie

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Edited By Eva Ehninger and Magdalena Nieslony

Mit den Begriffen «Potenzial» und «Potenzierung» lassen sich zwei Momente fassen, die die theoretische Arbeit von Künstlerinnen und Künstlern ebenso wie die kunstwissenschaftliche Arbeit über diese Theorieproduktion beschreiben. Das Potenzial künstlerischer Theorie für die Kunstwissenschaft wird in jenem Moment evident, in dem man sich darauf einigt, dass die häufig verwendete Gegenüberstellung von künstlerischer Theorie und Praxis nicht überzeugt, insofern Theorie Teil einer künstlerischen Praxis sein, und künstlerische Praxis umgekehrt theoretischen Impetus tragen kann. Mit der Potenzierung künstlerischer Theorie ist die Tatsache beschrieben, dass die Verschränkung von Theorie und Praxis im Laufe der Moderne und verstärkt nach 1960 selbst zum künstlerischen Format geworden ist. Die hier versammelten Aufsätze diskutieren diese Phänomene und die Problematik des Umgangs mit künstlerischer Theorie – eine grundlegende methodische Frage der Kunstwissenschaft. Sie nehmen diesbezüglich exemplarische künstlerische Positionen seit der klassischen Moderne bis in die Kunst der Gegenwart in den Blick.
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Der Geist in der Kunst. Künstlerische Entscheidung und theoretische Überdetermination: Johannes Meinhardt

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Der Geist in der Kunst. Künstlerische Entscheidung und theoretische Überdetermination

JOHANNES MEINHARDT

Der Ausgangspunkt dieser Überlegungen war das ziemlich irritierende Faktum, dass die Heroen der abstrakten Malerei in Europa seit den frühen zehner Jahren des letzten Jahrhunderts durchweg umfangreiche spirituelle oder sogar spiritistisch-okkulte Theorien hervorgebracht haben, die, von einem theoretischen Blickwinkel aus gelesen, völlig ungenießbar und unbrauchbar sind: wilde synkretistische Mischungen ohne geklärte Terminologie, mit schwankenden und einander teilweise widersprechenden Argumentationsgängen, die in ihrer theoretischen Immanenz zu verfolgen ärgerlich ist und unfruchtbar bleibt. Die Kunstgeschichte schwankt bis heute zwischen zwei Polen, entweder diese Texte wörtlich zu nehmen, als authentische Mitteilungen des Künstlersubjekts, oder sie zu ignorieren, da ihr theoretischer Status völlig ungeklärt ist und sie wörtlich genommen für das Verständnis der künstlerischen Arbeiten wenig fruchtbar sind, eine flache semantische oder symbolische Deutungsweise nahelegen. Andererseits ist jeder Seite dieser Schriften, vor allem von Piet Mondrian, Kazimir Malevič und Wassily Kandinsky, anzumerken, dass sie durch eine starke Nötigung hervorgebracht wurden, ein teilweise fast verzweifeltes Bemühen, sich verständlich zu machen. Und offensichtlich ist das, was diese Künstler verständlich machen wollten, nicht ihre religiöse Einstellung oder ihre private okkulte Überzeugung. Sobald man nicht mehr davon ausgeht, dass diese Texte persönliche religiöse Äußerungen sind, die auf ihren theologisch-theoretischen Gehalt hin zu lesen wären, stellt sich die naheliegende, aber vertrackte Frage: Wovon sprechen diese Schriften überhaupt?

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