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Theorie²

Potenzial und Potenzierung künstlerischer Theorie

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Edited By Eva Ehninger and Magdalena Nieslony

Mit den Begriffen «Potenzial» und «Potenzierung» lassen sich zwei Momente fassen, die die theoretische Arbeit von Künstlerinnen und Künstlern ebenso wie die kunstwissenschaftliche Arbeit über diese Theorieproduktion beschreiben. Das Potenzial künstlerischer Theorie für die Kunstwissenschaft wird in jenem Moment evident, in dem man sich darauf einigt, dass die häufig verwendete Gegenüberstellung von künstlerischer Theorie und Praxis nicht überzeugt, insofern Theorie Teil einer künstlerischen Praxis sein, und künstlerische Praxis umgekehrt theoretischen Impetus tragen kann. Mit der Potenzierung künstlerischer Theorie ist die Tatsache beschrieben, dass die Verschränkung von Theorie und Praxis im Laufe der Moderne und verstärkt nach 1960 selbst zum künstlerischen Format geworden ist. Die hier versammelten Aufsätze diskutieren diese Phänomene und die Problematik des Umgangs mit künstlerischer Theorie – eine grundlegende methodische Frage der Kunstwissenschaft. Sie nehmen diesbezüglich exemplarische künstlerische Positionen seit der klassischen Moderne bis in die Kunst der Gegenwart in den Blick.
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The Matter of Dialogue. Diskursive Praxis und ihr theoretisches Potenzial bei Bruce Nauman: Eva Ehninger

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The Matter of Dialogue. Diskursive Praxis und ihr theoretisches Potenzial bei Bruce Nauman

EVA EHNINGER

Have You had Your Words Today?

Eating my Words (1966) (Abb. 1), eine Fotografie Bruce Naumans, hat den Künstler selbst zum Thema. Nauman präsentierte das Bild in der Mappe Eleven Color Photographs (1970), die noch ein weiteres Selbstporträt beinhaltet, Self-Portrait as a Fountain (Abb. 2). Diese zweite Fotografie hat deutlich mehr wissenschaftliche Aufmerksamkeit erhalten, weil sie explizit und ironisch auf die althergebrachte Ikonographie des Künstlers als Quelle kreativer Energie rekurriert.1

In der weniger bekannten Fotografie Eating My Words sitzt Nauman an einem Tisch und trägt ein rotweiß kariertes Hemd, das den Stoff der Tischdecke imitiert. Vor ihm steht ein Teller mit aus Toastbrotscheiben ausgeschnittenen Buchstaben, die ursprünglich den Begriff „WORDS“ bildeten, von denen nun aber nur noch die Lettern „ORDS“ übrig sind. Er hat den Blick gesenkt und hält ein Marmeladenglas in seiner rechten Hand, während er mit der linken konzentriert die süße, klebrige Masse auf die Buchstabenbrote verteilt. Nauman ist im Begriff, einen Teller „Worte“ zu verspeisen – individuelle Buchstabenbissen, die er mit einem großen Glas Milch herunterspülen wird. Er spielt hier mit der idiomatischen Redewendung „eating my words“, die „alles zurücknehmen“ bedeutet. Ohne den Kontext der ← 215 | 216 → Konversation geht diese Bedeutung verloren – das Widerrufen einer Aussage, die sich im Gespräch als beleidigend, unhaltbar, oder falsch herausstellt. Stattdessen wird „eating my words“ auf...

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