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Wissen als Gut

Ein Beitrag zur Grundlegung der sozialen Erkenntnistheorie

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Rainer Kamber

In der orthodoxen erkenntnistheoretischen Tradition ist der Begriff des Wissens mit dem der Wahrheit verknüpft und Wissen wird in hohem Masse individualistisch konzipiert. Individualistisch heisst, dass Wissen nicht von einem epistemischen Subjekt zum anderen weitergegeben werden kann. Die traditionellen Quellen des Wissens sind die Wahrnehmung, die Erinnerung und die Schlussfähigkeit und nur Wissensansprüche auf diesen Grundlagen gelten überhaupt als evaluationsfähig. Dadurch macht sich die orthodoxe Tradition vulnerabel für Skeptizismus und epistemische Paradoxien. In der vorliegenden Arbeit zeichnet der Autor die wesentlichen Linien der erkenntnistheoretischen
Orthodoxie im Zusammenhang mit der Zeugenschaft nach und diskutiert die gewichtigen Einwände gegen die entsprechenden Doktrinen. Auf der Grundlage einer neuartigen Gütertheorie des Wissens zeigt der Autor, inwiefern nicht bloss Zeugenschaft, sondern auch die klassischen erkenntnistheoretischen Kategorien wie Rechtfertigung und Berechtigung sozialen Gehalt haben.

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Einleitung 11

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11 Einleitung Die Geschichte der westlichen philosophischen Erkenntnistheorie ist im Wesentlichen die Geschichte individualistischer und veritistischer Dokt- rinen. Diese erkenntnistheoretische Orthodoxie ist individualistisch ori- entiert, insofern in ihr Wissen als Phänomen, wie immer es begrifflich expliziert wird, ausschliesslich Individuen zugeschrieben wird. Damit ist hier nicht die Position gemeint, dass nur Individuen als Träger von Wis- sen fungieren könnten, denn diese Thematik ist nicht Gegenstand meiner Untersuchung. Für meine Zwecke steht vielmehr der Sachverhalt im Zentrum, dass in der erkenntnistheoretischen Orthodoxie die Evaluation von Wissensansprüchen individualistisch konzipiert worden ist: bei der Beurteilung von Wissensansprüchen erschöpfen sich die Möglichkeiten epistemischer Evaluation mit der Prüfung der nichtrelationalen Eigen- schaften eines epistemische Individuums, beziehungsweise seiner menta- len Zustände. Mit Veritismus ist im Folgenden jede erkenntnistheoretische Dokt- rin gemeint, innerhalb der Wissen mindestens wahre Meinung impliziert und die das Element wahrer Meinung gleichzeitig als ein grundlegendes epistemisches Gut behauptet. Die so verstandene Orthodoxie ist bei Pla- ton (Menon 82-85, Phaidon 74-76, 100-102, Theaitetos 187-202) und Aristoteles (Posteriore Analytik, 71-73, 75-76, 88-90, 93-95, 99-100) rekonstruierbar, sowie bei neuzeitlichen Erkenntnistheoretikern wie Lo- cke, Descartes und Hume und ebenso in der analytischen Erkenntnisthe- orie der vergangenen hundert Jahre (vgl. z.B. Lewis 1946; Ayer 1956; Gettier 1963, Fine 1990). Eine bekanntermassen dezidierte Positionsnahme für einen erkennt- nistheoretischen Individualismus und Veritismus repräsentiert Descartes’ Erkenntnistheorie. Seine Kombination einer Heuristik des Zweifelns mit dem Ergebnis der ausschliesslichen Gewissheit personalen Wissens kön- nen geradezu als Dramatisierung, in theoretischer Hinsicht aber...

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