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Rationalität und Formen des Irrationalen im deutschen Sprachraum

Vom Mittelalter bis zur Gegenwart

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Edited By Gabriela Antunes, Sonia Goldblum and Noémie Pineau

Die Beiträge dieses Bandes richten einen umfassenden, interdisziplinären Blick auf das Thema des Rationalen und des Irrationalen im deutschen Sprachraum. Um dem Phänomen näher zu kommen, werden die Ausdrucksformen dieses Begriffspaares vom Mittelalter bis in die Gegenwart pluriperspektivisch herausgearbeitet. Bemerkenswert ist die allgegenwärtige Aktualität des Themas sowie dessen Vielfalt an Facetten, Bedeutungen und Auswirkungen. Dabei fungiert das irrational Erscheinende oft als dasjenige Element, das die Existenz des Rationalen überhaupt erst ermöglicht. Dieses von Nachwuchswissenschaftlern getragene und herausgegebene Projekt geht zurück auf einen deutsch-französischen Workshop, der 2010 an der Universität Straßburg stattgefunden hat und die Wechselbeziehungen von Rationalität und Irrationalität zum Thema hatte. Der vorliegende Band wird durch weitere Beiträge zu diesem Thema ergänzt.

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II. Literatur und Kunst im Spiegel der Vernunft

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Zweite Abteilung Literatur und Kunst im Spiegel der Vernunft Eros/Minne Formen korrumpierter Rationalität Björn REICH Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe. Es ist aber auch immer etwas Vernunft im Wahnsinn. (Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra) «[I]ch was sô verre an sî verdâht», so beschreibt der Minnesänger Friedrich von Hausen den Zustand seiner Liebesleidenschaft.1 Dass man sich in der mittelalterlichen Literatur verligen oder auch vervârn kann, wie dies Erec oder Iwein geschieht, ist hinlänglich bekannt – die weitaus größere Gefahr scheint aber vom ‹verdenken› auszugehen. ‹Verdenken› meint dabei einen Zustand mit pathologischen Zügen, bei dem sich der Betroffene nicht mehr von einem Gedankenobjekt lösen kann – ein Problem, dass sowohl in der Epik als auch in der Lyrik immer wieder im Zuge von unerfüllter Liebes- sehnsucht virulent wird. Auch im medizinischen Diskurs des Mittelalters ist das ‹verdenken› als Symptom der Liebeskrankheit allgegenwärtig. Als mög- liche Folgen werden dort genannt: Vereinzelung, Melancholie oder gar Wahnsinn. Aber schon im früheren Stadium der Liebeskrankheit verlässt der Liebende die Bahnen der Rationalität; seine Handlungsweise scheint den Außenstehenden unvernünftig und irrational. Um einen Denkprozess als rational oder irrational einstufen zu können, ist es unerlässlich, sich über die Mechanismen des Denkens selbst klar zu werden. Die medizinischen Modelle im Mittelalter beschreiben dabei nicht nur, wie Denken funktioniert, sondern bieten zugleich eine Grundlage dafür, um dem Gegensatz von Rationalität und Irrationalität nachzugehen. Wenn dabei im...

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