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Verständigung und Versöhnung nach dem «Zivilisationsbruch»?

Deutschland in Europa nach 1945

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Edited By Corine Defrance and Ulrich Pfeil

Im Jahre 1945 stand Deutschland ohnmächtig und geächtet vor den Trümmern seiner Politik. Rassischer Weltanschauungskrieg und systematische Vernichtung der europäischen Juden waren ein zivilisatorischer Bruch und belegten die Deutschen mit einer moralischen Schuld. So ist die deutsche Nachkriegsgeschichte vor allem die Geschichte der schwierigen Auseinandersetzung mit der eigenen verbrecherischen Vergangenheit. Für die Deutschen galt es, das Vertrauen ihrer Nachbarn neu zu gewinnen, um den Weg zurück in den Kreis der zivilisierten Völker zu finden. In Politik und Zivilgesellschaft wuchsen schnell erste Initiativen, die auf Verständigung und Versöhnung abzielten. Mentale Demobilisierung und Abbau von Feindbildern gehörten zu den Aufgaben, um nach dem Krieg ein friedvolles Miteinander in Gegenwart und Zukunft herzustellen. In einer breiten Gesamtschau beleuchtet dieser Band, wie über symbolische Gesten, an Erinnerungs- und Gedenkorten, durch Organisationen und Institutionen, über Aktionsfelder und Handlungsformen, bisweilen unter wissenschaftlicher Anleitung, Prozesse eingeleitet wurden, die in den meisten Fällen – aber nicht immer – zur Verständigung zwischen den Deutschen und ihren europäischen Nachbarn beitrugen. Dabei zeigen die Beiträge, dass Versöhnung nicht «besiegelt» werden kann, sondern eine nie endende politische, soziale und kulturelle Arbeit darstellt.
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„Hand in Hand“. François Mitterrand und Helmut Kohl in Verdun 1984

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„Hand in Hand“

François Mitterrand und Helmut Kohl in Verdun 1984

Reiner MARCOWITZ

Die deutsch-französischen Beziehungen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren diskursiv und inszenatorisch immer auch durch historische Erinnerungsakte geprägt1. Das galt bereits für Robert Schumans Rede vom 9. Mai 1950, in der er den europapolitischen Neuaufbruch in die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl mit der Erinnerung an die Weltkriege verband2. Auch Karikaturisten beschworen immer schon gerne die Verbindungslinien zwischen den Nachkriegsbeziehungen und früheren ← 103 | 104 → Abschnitten der Beziehungsgeschichte beider Länder3. Insofern war die Stilisierung des deutsch-französischen Verhältnisses zum historischen Aussöhnungswerk nach 1945/1950 ein inszenatorisches Mittel zur Legitimation und Selbstdarstellung der entsprechenden Handlungen. Deutsch-französische Aussöhnungspolitik nach 1945 war also immer auch ein Stück weit „offizielle Symbolpolitik“4 und „visuelle Inszenierung der deutsch-französischen Freundschaft“5. Bemerkenswerterweise hat hierbei die erste große Konflagration des 20. Jahrhunderts eine besondere Rolle gespielt, was einen der Kenner und Protagonisten der deutsch-französischen Aussöhnung, Alfred Grosser, noch 2013 erstaunte:

„Erstaunlich ist, dass viele große Feiern – de Gaulle und Adenauer in der Kathedrale von Reims 1962, Mitterrand und Kohl in Douaumont/Verdun 1984, Sarkozy und Merkel am 11. November 2009 am Arc de Triomphe – Symbole des Ersten Weltkriegs sind“6

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