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Verständigung und Versöhnung nach dem «Zivilisationsbruch»?

Deutschland in Europa nach 1945

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Corine Defrance and Ulrich Pfeil

Im Jahre 1945 stand Deutschland ohnmächtig und geächtet vor den Trümmern seiner Politik. Rassischer Weltanschauungskrieg und systematische Vernichtung der europäischen Juden waren ein zivilisatorischer Bruch und belegten die Deutschen mit einer moralischen Schuld. So ist die deutsche Nachkriegsgeschichte vor allem die Geschichte der schwierigen Auseinandersetzung mit der eigenen verbrecherischen Vergangenheit. Für die Deutschen galt es, das Vertrauen ihrer Nachbarn neu zu gewinnen, um den Weg zurück in den Kreis der zivilisierten Völker zu finden. In Politik und Zivilgesellschaft wuchsen schnell erste Initiativen, die auf Verständigung und Versöhnung abzielten. Mentale Demobilisierung und Abbau von Feindbildern gehörten zu den Aufgaben, um nach dem Krieg ein friedvolles Miteinander in Gegenwart und Zukunft herzustellen. In einer breiten Gesamtschau beleuchtet dieser Band, wie über symbolische Gesten, an Erinnerungs- und Gedenkorten, durch Organisationen und Institutionen, über Aktionsfelder und Handlungsformen, bisweilen unter wissenschaftlicher Anleitung, Prozesse eingeleitet wurden, die in den meisten Fällen – aber nicht immer – zur Verständigung zwischen den Deutschen und ihren europäischen Nachbarn beitrugen. Dabei zeigen die Beiträge, dass Versöhnung nicht «besiegelt» werden kann, sondern eine nie endende politische, soziale und kulturelle Arbeit darstellt.
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Jenseits von Putten. Deutsch-Niederländische Erinnerungsorte

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Jenseits von Putten

Deutsch-Niederländische Erinnerungsorte

Christine GUNDERMANN

Am 10. Mai 1940 überschritten die Truppen des nationalsozialistischen Deutschland die niederländische Grenze, vier Tage später wurde das Zentrum der Stadt Rotterdam durch massive Bombardierung fast vollständig zerstört, das Königreich der Niederlande kapitulierte und es folgten fünf Jahre der Besetzung. Die deutsche Okkupation wurde in der niederländischen Geschichtsschreibung und im kollektiven Gedächtnis der Niederlande über Dekaden hinweg als tief traumatisches Ereignis erinnert. Und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass zwar beide Staaten relativ schnell auf wirtschaftlicher und außenpolitischer Ebene zu „Partnern aus Notwendigkeit“1 wurden, aber der Zweite Weltkrieg bis ins neue Jahrtausend hinein die deutsch-niederländischen Beziehungen definierte. Das zeigte auch 1998 die Karikatur Peter van Straatens in der überregionalen Tageszeitung „Vrij Nederland“ „Eerst mijn fiets terug“ („Erst mein Fahrrad zurück“). Diese Worte legte Straaten Ministerpräsident Wim Kok in den Mund, um die Bedingungen einer gemeinsamen Versöhnungszeremonie zwischen der Bundesrepublik und den Niederlanden festzulegen. Dass die Rückgabe der im Krieg von den deutschen Besatzern gestohlenen Zweiräder nicht realisierbar sein würde, markiert ← 309 | 310 → gleichzeitig die Unmöglichkeit einer deutsch-niederländischen Versöhnung nach über fünfzig Jahren.

Wofür aber steht eigentlich „Versöhnung“ in der Beziehung zweier Staaten, die bereits seit den 1950er Jahren auf vielfältige und enge Weise wieder miteinander verbunden waren. Eine außenpolitische Normalisierung war bereits 1969 mit dem Besuch des Bundespr...

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