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Verständigung und Versöhnung nach dem «Zivilisationsbruch»?

Deutschland in Europa nach 1945

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Corine Defrance and Ulrich Pfeil

Im Jahre 1945 stand Deutschland ohnmächtig und geächtet vor den Trümmern seiner Politik. Rassischer Weltanschauungskrieg und systematische Vernichtung der europäischen Juden waren ein zivilisatorischer Bruch und belegten die Deutschen mit einer moralischen Schuld. So ist die deutsche Nachkriegsgeschichte vor allem die Geschichte der schwierigen Auseinandersetzung mit der eigenen verbrecherischen Vergangenheit. Für die Deutschen galt es, das Vertrauen ihrer Nachbarn neu zu gewinnen, um den Weg zurück in den Kreis der zivilisierten Völker zu finden. In Politik und Zivilgesellschaft wuchsen schnell erste Initiativen, die auf Verständigung und Versöhnung abzielten. Mentale Demobilisierung und Abbau von Feindbildern gehörten zu den Aufgaben, um nach dem Krieg ein friedvolles Miteinander in Gegenwart und Zukunft herzustellen. In einer breiten Gesamtschau beleuchtet dieser Band, wie über symbolische Gesten, an Erinnerungs- und Gedenkorten, durch Organisationen und Institutionen, über Aktionsfelder und Handlungsformen, bisweilen unter wissenschaftlicher Anleitung, Prozesse eingeleitet wurden, die in den meisten Fällen – aber nicht immer – zur Verständigung zwischen den Deutschen und ihren europäischen Nachbarn beitrugen. Dabei zeigen die Beiträge, dass Versöhnung nicht «besiegelt» werden kann, sondern eine nie endende politische, soziale und kulturelle Arbeit darstellt.
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Oradour-sur-Glane. Ort einer späten Versöhnung

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Oradour-sur-Glane

Ort einer späten Versöhnung

Andrea ERKENBRECHER

„Das Märtyrerdorf Oradour“, so schrieb Serge Tisseron anlässlich des 60. Jahrestages des Massakers von Oradour, „gehört heute zum Bilderbuch der französischen Nation“1. Fast zehn Jahre später wurde das Ruinendorf zur Kulisse einer neuen Seite im „Bilderbuch“ der deutsch-französischen Versöhnung, als der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck am 4. September 2013 mit dem französischen Staatspräsidenten François Hollande durch das village martyr der Franzosen ging.

Am 10. Juni 1944, vier Tage nach der alliierten Landung in der Normandie, hatte eine Einheit der 2. SS-Panzer-Division „Das Reich“ in Oradour-sur-Glane das zahlenmäßig größte deutsche Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges in Westeuropa verübt2. Die Soldaten ermordeten 642 Menschen, mehr als die Hälfte waren Frauen und Kinder, die in der Kirche z.T. bei lebendigem Leib verbrannten. Die SS plünderte den Ort und brannte ihn ← 329 | 330 → nieder. Oradour wurde zum nationalen Symbol des Leidens der Franzosen unter deutscher Besatzung. Der französische Staat enteignete die Ruinen, ernannte sie zum monument historique und beschloss den Bau eines neuen Dorfes nur wenige hundert Meter von dem alten3.

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