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Verständigung und Versöhnung nach dem «Zivilisationsbruch»?

Deutschland in Europa nach 1945

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Corine Defrance and Ulrich Pfeil

Im Jahre 1945 stand Deutschland ohnmächtig und geächtet vor den Trümmern seiner Politik. Rassischer Weltanschauungskrieg und systematische Vernichtung der europäischen Juden waren ein zivilisatorischer Bruch und belegten die Deutschen mit einer moralischen Schuld. So ist die deutsche Nachkriegsgeschichte vor allem die Geschichte der schwierigen Auseinandersetzung mit der eigenen verbrecherischen Vergangenheit. Für die Deutschen galt es, das Vertrauen ihrer Nachbarn neu zu gewinnen, um den Weg zurück in den Kreis der zivilisierten Völker zu finden. In Politik und Zivilgesellschaft wuchsen schnell erste Initiativen, die auf Verständigung und Versöhnung abzielten. Mentale Demobilisierung und Abbau von Feindbildern gehörten zu den Aufgaben, um nach dem Krieg ein friedvolles Miteinander in Gegenwart und Zukunft herzustellen. In einer breiten Gesamtschau beleuchtet dieser Band, wie über symbolische Gesten, an Erinnerungs- und Gedenkorten, durch Organisationen und Institutionen, über Aktionsfelder und Handlungsformen, bisweilen unter wissenschaftlicher Anleitung, Prozesse eingeleitet wurden, die in den meisten Fällen – aber nicht immer – zur Verständigung zwischen den Deutschen und ihren europäischen Nachbarn beitrugen. Dabei zeigen die Beiträge, dass Versöhnung nicht «besiegelt» werden kann, sondern eine nie endende politische, soziale und kulturelle Arbeit darstellt.
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Lässt sich Versöhnung exportieren? Deutsch-französische Aktivitäten in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens

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Lässt sich Versöhnung exportieren?

Deutsch-französische Aktivitäten in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens

Nicolas MOLL

Die „Versöhnung“ zwischen Deutschland und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg wird von Akteuren der deutsch-französischen Zusammenarbeit gerne und oft als erfolgreiche historische Leistung mit Modellcharakter und Nachahmungswert für andere Staaten zitiert1. Seit Mitte der 1990er Jahre ist dies besonders stark im Hinblick auf die Nachfolgestaaten Jugoslawiens der Fall. Insgesamt hat sich in den zwei Jahrzehnten nach den jugoslawischen Nachfolgekriegen der Balkan zwar nicht zu einem prioritären Feld deutsch-französischer Zusammenarbeit entwickelt, dennoch kommt es dort regelmäßig zu deutsch-französischen Aktivitäten, vor allem in Form gemeinsamer symbolischer Gesten von Seiten der Botschafter beider Länder sowie im Bereich des Kultur- und vor allem des Jugendaustauschs. Die verschiedenen Aktivitäten werden in der Regel von einem Diskurs begleitet, der die Wichtigkeit der deutsch-französischen Versöhnungserfahrung für die Nachkriegsgesellschaften des post-jugoslawischen Raums hervorhebt, ein Diskurs der allerdings nicht immer einheitlich ist und ← 681 | 682 → auch nicht frei von Ambivalenzen. Innerhalb der jugoslawischen Nachfolgestaaten trifft dieser deutsch-französische Versöhnungsdiskurs auf sehr unterschiedliche Reaktionen, die zwischen positiver Zustimmung und Ablehnung oszillieren. Insbesondere Akteure aus Südosteuropa (SOE), die für einen offenen und kritischen Umgang mit den Kriegen der 1990er Jahren plädieren, können mit dem Versöhnungsdiskurs mitunter wenig anfangen, und sehen die bundesdeutsche Vergangenheitsaufarbeitung oft als das interessantere und attraktivere Modell. Trotz aller Schwierigkeiten hat sich gerade im Jugendbereich und auf...

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