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Unerfüllte Hoffnungen

Rückblicke auf die Literatur der DDR

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Jost Hermand

Nach einem kurzen Abriss der DDR-Geschichte folgen in diesem Buch vierzehn Aufsätze, in denen in chronologischer Folge einige Zentralfragen der Literatur dieses Staats sowie ihrer Hauptautoren, darunter Bertolt Brecht, Erwin Strittmatter, Herbert Otto, Heiner Müller, Hermann Kant, Wolf Biermann, Alfred Wellm, Volker Braun und Christoph Hein, behandelt werden. Dabei geht es vor allem um die Fragestellung, warum das anfängliche Bemühen durchaus sozialistisch eingestellter DDR-Schriftsteller, Wegbereiter eines «anderen, besseren Deutschlands» zu sein, später sowohl an den kaum zu überwindenden ökonomischen Schwierigkeiten als auch der allmählichen «Verwestlichung» dieses Staats scheiterte.

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Zehn Tage, die die Welt erschütterten (1957)

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Heiner Müllers Bekenntnis zu Lenin I 1957, acht Jahre nach der Gründung der DDR, stand in diesem Staat das Jubiläum des 40. Jahrestags der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolu- tion“ ins Haus. Doch wie ließ sich ein solches Ereignis, in dem fast alle Kommunisten der Welt das Hauptereignis in der neueren Geschichte schlechthin erblickten, auf eine sinnvolle Weise zelebrieren, ohne dabei in ein hohles Pathos der Selbstbeweihräucherung zu verfallen? Vielleicht noch am ehesten in der Sowjetunion, die als staatliches Gebilde aus dieser Revolution hervorgegangen war und sich deshalb jedes Jahr aufs Neue auf sie berief, um damit ihre politische, soziale und kulturelle Überlegenheit dem vergangenen Gewaltregime der zaristischen Monarchie gegenüber herauszustreichen. Aber in der DDR, wo der sozialistische Staatsapparat nicht aus einer eigenen, von der breiten Masse des Volkes unterstützten Revolution erwachsen war, sondern – nach der Niederschlagung des Nazifa- schismus – seine Einführung und Aufrechterhaltung allein der sowjetischen Besatzungsarmee verdankte? Wie ließ sich in diesem Land eine Revolution feiern, deren Auswirkungen von der Mehrheit der Bevölkerung nur sehr unwillig akzeptiert wurden und wo parteiamtliche Berufungen auf die „revolutionären Errungenschaften“ in der UdSSR, wie sie im November 1957 im Neuen Deutschland erschienen,1 eher antisozialistische Af fekte hervorriefen? Musste hier nicht Walter Ulbricht fast wie ein shakespeare- scher Tragödienkönig „über ein Volk von Feinden regieren“, wie es später hieß,2 das ihm lediglich aufgrund seiner postfaschistischen, preußischen oder protestantischen, kurz: obrigkeitsorientierten Mentalität gehorchte, aber allem spezifisch „Revolutionären“ h...

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