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Unerfüllte Hoffnungen

Rückblicke auf die Literatur der DDR

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Jost Hermand

Nach einem kurzen Abriss der DDR-Geschichte folgen in diesem Buch vierzehn Aufsätze, in denen in chronologischer Folge einige Zentralfragen der Literatur dieses Staats sowie ihrer Hauptautoren, darunter Bertolt Brecht, Erwin Strittmatter, Herbert Otto, Heiner Müller, Hermann Kant, Wolf Biermann, Alfred Wellm, Volker Braun und Christoph Hein, behandelt werden. Dabei geht es vor allem um die Fragestellung, warum das anfängliche Bemühen durchaus sozialistisch eingestellter DDR-Schriftsteller, Wegbereiter eines «anderen, besseren Deutschlands» zu sein, später sowohl an den kaum zu überwindenden ökonomischen Schwierigkeiten als auch der allmählichen «Verwestlichung» dieses Staats scheiterte.

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Erbepflege und/oder Massenwirksamkeit

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Erbepf lege und/oder Massenwirksamkeit Zur Genrediskussion in der DDR I Es gab in den Jahren des Kalten Krieges viele westliche Kritiker, die behaup- tet haben, dass in „linker“ Literatur lediglich der Inhalt zähle. Erwägungen über spezifisch ästhetische Fragen, vor allem solche genretheoretischer Natur, stünden dort gar nicht auf der Tagesordnung. Das Gegenteil ist der Fall – wie eher objektive Kritiker seit langem wissen. Mindestens seit dem Gotha-Sieblebener Parteitag (1896) und dann verstärkt seit den Leninschen Thesen zum bürgerlichen Erbe von 1919/20, dem Moskauer Allunions- kongress von 1934 und der darauf folgenden Volksfront-Debatte wurden in der marxistischen Ästhetik auch die literarischen Genres ebenso heftig verteidigt, umkämpft oder in Frage gestellt wie alles „vorgeschichtliche“ Erbgut.1 Zugegeben, es gab in diesem Umkreis zwei Gruppierungen: einen radikalen, manchmal geradezu vandalistischen Flügel, der um der besseren Zukunft willen alle bisherigen Kunstformen verwarf, aber auch einen, der erst einmal das gesamte Erbe verarbeiten bzw. „aufheben“ wollte, bevor er ins radikal „Andere“ vorzustoßen versuchte. Beide Flügel waren etwa gleich stark, da hinter beiden ebenso bedeutsame marxistische Forderungen standen: die Überwindung der bisherigen Klassengebundenheit und damit elitären Sonderrolle von sogenannter E-Literatur zugunsten einer Literatur, bei der hauptsächlich die Massenagitation und damit eine Bewusstseinsver- änderung größten Ausmaßes im Vordergrund stehen sollte, und zugleich die Einbringung und Aufhebung des gesamten humanistisch-progressiven Kulturerbes in eine sozialistische Gesellschaft, welche sich als legitime Erbin all dieser Überlieferungen verstehen würde. Die Schärfe dieses Gegensatzes gab auch der Diskussion um die...

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