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Unerfüllte Hoffnungen

Rückblicke auf die Literatur der DDR

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Jost Hermand

Nach einem kurzen Abriss der DDR-Geschichte folgen in diesem Buch vierzehn Aufsätze, in denen in chronologischer Folge einige Zentralfragen der Literatur dieses Staats sowie ihrer Hauptautoren, darunter Bertolt Brecht, Erwin Strittmatter, Herbert Otto, Heiner Müller, Hermann Kant, Wolf Biermann, Alfred Wellm, Volker Braun und Christoph Hein, behandelt werden. Dabei geht es vor allem um die Fragestellung, warum das anfängliche Bemühen durchaus sozialistisch eingestellter DDR-Schriftsteller, Wegbereiter eines «anderen, besseren Deutschlands» zu sein, später sowohl an den kaum zu überwindenden ökonomischen Schwierigkeiten als auch der allmählichen «Verwestlichung» dieses Staats scheiterte.

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Von Grund auf anders

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Volker Brauns Großer Frieden (1976) Aber was hat er uns überlassen! Welchen Mangel an Illusionen. Welchen weltweiten Verlust An sicheren Werten. Welche verbreitete Unfähigkeit, sich zu unterwerfen! Und wie ausgeschlossen, unter uns Nicht an alledem zu zweifeln. Seither All unsere Erfolge: nur Abschlagszahlungen Der Geschichte. Dahin die Zeit Sich nicht hinzugeben an die Sache. Und wie unmöglich, nicht ans Ende zu gehen: Und es nicht für den Anfang zu halten! — Volker Braun: Karl Marx1 I Seit den späten sechziger Jahren sahen viele ostdeutsche Kritiker und Leser in Volker Braun den bedeutendsten DDR-Schriftsteller seiner Altersgruppe. In immer neuen Anläufen konfrontierte dieser Autor sein Publikum mit einer teils balladesken, teils pathetisch missreißenden Lyrik, mit katarak- tisch vorwärtsdrängenden Prosastücken wie auch ungeschlachten und doch dialektisch zugespitzten Dramen, die sich an höchsten literarischen Vorbildern wie Shakespeare, Büchner und Brecht orientierten – ohne dabei je in ein blasses Epigonentum auszurutschen.2 Bei Braun wurde die in der DDR vielgeforderte „Aneignung und kritische Aufhebung des kulturellen Erbes“ wirklich poetische Gestalt. Hier versuchte einer, sich mit höchstem dichterischen Anspruch in die unmittelbar anstehenden politischen Pro- bleme der sich nach 1961 zusehends konsolidierenden DDR-Gesellschaft „einzumischen“, indem er – bei aller unverkennbaren Eigenheit – sein 206 Von Grund auf anders eigenes Ich zugleich als Bestandteil des allgemeinen Wir verstand. Obwohl er dabei manchmal scheiterte, blieb er dennoch ein „Ringender“. Und das verschaf fte ihm vor allem unter jenen Vertretern seiner Generation, die sich – wie er – mit dem bereits Erreichten keineswegs...

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