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Wissenstransformationen in fiktionalen Erzähltexten

Literarische Begegnungen mit jüdischer Erinnerungskultur im Werk von Jorge Luis Borges, Mario Vargas Llosa und Moacyr Scliar

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Corinna Deppner

Wissenstransformationen in fiktionalen Erzähltexten am Beispiel von Jorge Luis Borges, Mario Vargas Llosa und Moacyr Scliar belegen ein für die Literatur maßgebliches Verständnis dynamischer Allelopoiese, in welchem historisches und kulturelles Wissen nicht als feststehendes Archiv, sondern als Prozess behandelt wird. Nicht abwechselnde, sondern nebeneinander stehende Aussagen und Aggregatzustände der Schrift leiten zu einem Mehrfachsinn der Textstruktur über. Eine daraus resultierende mehrdimensionale Rezeption stellt Transformationsforschung und jüdische Erinnerungskultur in einen gemeinsamen Deutungshorizont. Die jüdische Tradition kultiviert ausgehend von ihrem Verständnis einer mündlichen und einer schriftlichen Thora Paradigmen, die literarischen Transformationsprozessen zuträglich sind.

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III. Borges’ „Funes el memorioso“: Erinnerungsparadigma zwischen den Kulturen

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III.  Borges’ „Funes el memorioso“: Erinnerungsparadigma zwischen den Kulturen

Das unerbittliche Gedächtnis des Ireneo Funes, das Borges in der Erzählung „Funes el memorioso“ (1944) schildert, wird als erstes literarisches Beispiel für die Thematisierung eines epistemischen Wissens angeführt, dessen Ordnungssystem über die lineare Zuschreibung von Signifikat und Signifikant hinausgeht. Es akzentuiert die in Kapitel II. vorgestellte allelopoietische Transformationstheorie anhand einer literarischen Reflexion über den plastischen Umgang mit Wissen. Beschrieben wird ein personifizierter Wissensspeicher, der Informationen akkumuliert. In der Erzählung tritt jedoch ein Wissensbegriff hervor, der seinen Gehalt aus einem bipolaren Prozess – der Wechselwirkung von Erinnern und Vergessen – speist (Kap. III.1). Die Erzählung von Borges leitet in den Diskurs der Wissensarchivierung ein, der zwischen allumfassendem Archiv und poröser Erinnerung des Erzählers oszilliert. Diese Spannung zwischen Gedächtnis als Archiv und Erinnern als aktivierende Potenzialität ist es, die an die Stelle des allumfassenden Wissens tritt. Die Geschichte von Funes, die mit antiken und anderen Memorierungsmodellen operiert, wird hier in einen Kontext mit jüdischen Themen und Protagonisten gestellt (Kap. III.2).

Die Sprachexperimente von Funes orientieren sich an den Differenzqualitäten der Dinge. Die vom Erzähler dazu in Beziehung gesetzten Vergleiche (Zarathustra, Maimonides etc.) erzeugen ein überschriebenes und selektiertes Wissen, der Blick fällt auf ein konserviertes Wissen das – als Repräsentation von Ereignissen – eine arbiträre und damit austauschbare Ordnung der Zeichen exemplifiziert. Kulminationspunkt ist der mit der Funes-Figur beschriebene Verlust einer Vermittlerfunktion von Sprache....

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