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Wissenstransformationen in fiktionalen Erzähltexten

Literarische Begegnungen mit jüdischer Erinnerungskultur im Werk von Jorge Luis Borges, Mario Vargas Llosa und Moacyr Scliar

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Corinna Deppner

Wissenstransformationen in fiktionalen Erzähltexten am Beispiel von Jorge Luis Borges, Mario Vargas Llosa und Moacyr Scliar belegen ein für die Literatur maßgebliches Verständnis dynamischer Allelopoiese, in welchem historisches und kulturelles Wissen nicht als feststehendes Archiv, sondern als Prozess behandelt wird. Nicht abwechselnde, sondern nebeneinander stehende Aussagen und Aggregatzustände der Schrift leiten zu einem Mehrfachsinn der Textstruktur über. Eine daraus resultierende mehrdimensionale Rezeption stellt Transformationsforschung und jüdische Erinnerungskultur in einen gemeinsamen Deutungshorizont. Die jüdische Tradition kultiviert ausgehend von ihrem Verständnis einer mündlichen und einer schriftlichen Thora Paradigmen, die literarischen Transformationsprozessen zuträglich sind.

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IV. Erste Fallstudie: „La biblioteca de Babel“ von Jorge Luis Borges

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IV.  Erste Fallstudie: „La biblioteca de Babel“ von Jorge Luis Borges

In der Fallstudie zu „La biblioteca de Babel“ wird aufgezeigt, inwieweit die allelopoietischen Transformationsprozesse nicht nur die Medialität des Archivs, sondern auch die inhaltlichen Bezugnahmen auf die jüdische Tradition betreffen: Mit Babel ist ein biblischer Intertext aufgerufen, der für Mehrsprachigkeit und Bedeutungsvielfalt steht. Als Gegenstück verweist der durch die „Bibliothek“ ersetzte und in der Überlieferung genannte Turm (zu Babel) auf eine an Essenz gebundene Referenzialität, deren sprachliche Dimension mit dem Vorhaben, sich einen Namen machen zu wollen, ausgedrückt wird (Genesis 11/4). Die eindeutige Bedeutungszuweisung, die mit der Namensgebung – bzw. dem Turmbau – beschrieben wird, widerstrebt einem in jüdischer Tradition gedachten Monotheismus mit vielen Namen, bzw. dem Paradoxon eines Gottes in göttlicher Vielheit, der sich eindeutiger Zuweisungen (auch jener der Pluralität) konsequent entzieht. Diese stetige Negation, dieser Entzug einer Seins-Gewissheit ist es, welche den Blick für ein allelopoietisches Transformationsverständnis schärft: so wie Babel die Heterogenität der Sprachen und ein dynamisches Fortkommen (mittels der Zerstreuung der Völker) repräsentiert, ist mit dem Begriff der Allelopoiese ein Sinn erzeugender Vorgang beschrieben, in dem sich die Inhalte gegenseitig zu neuen Sinndimensionen potenzieren. Hier wie dort ist das Ergebnis eine Mehrdeutigkeit, welche die vorherigen wie potenziell möglichen Bedeutungsschichten einbezieht (Kap. IV.1).

In dem Spannungsgefüge zwischen Mündlichkeit (Babel) und Schriftlichkeit (Bibliothek) wirkt ein weiterer biblischer Intertext in Borges’ Erzählung nach:...

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