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Traumsommer und Kriegsgewitter

Die politische Bedeutung des schönen Sommers 1914

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Matthias Bode

Im kollektiven Gedächtnis sind die Julikrise 1914 und das Augusterlebnis mit Sonne, Hitze und Ferienglück verbunden. Auf einen Traumsommer sei der Krieg wie ein Gewitter gefolgt. Basierend auf meteorologischen Daten, zeitgenössischen Quellen sowie retrospektiven Deutungen zeigt der Autor das Verhältnis zwischen Topos und Realität auf. Das Wettergeschehen während der Julikrise kann zwar mit dem „reinigenden Gewitter" durchaus in Einklang gebracht werden, aber erst das Sommerwetter im August hat die euphorische Herausstellung des „Augusterlebnisses" nachhaltig unterstützt. Die retrospektive Deutung von „Traumsommer" und „Kriegsgewitter" bildet so die Grundlage, argumentativ die schicksalsergebene Unschuld gegenüber einer Naturkatastrophe zu betonen. Der Autor untersucht, wie sich Strategien der Rechtfertigung und der Schuldzuweisung am Umgang mit dem Topos nachweisen lassen.

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3. Die Untiefen des erinnernden Selbst: Ego-Dokumente als historische Quelle

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3.  Die Untiefen des erinnernden Selbst: Ego-Dokumente als historische Quelle

Der Marburger Zoologe Eugen Korschell verbindet in seiner Autobiografie den Beginn des Krieges rückblickend mit einem akademischen Fest, mit den Ferien, mit dem Ende des Sommersemesters 1914 im Juli. „An diesem Abend herrschte heiterster Frohsinn.“ Der nächste Absatz beginnt erstaunlicherweise mit: „Der furchtbare Tag von Sarajewo war gekommen.“ Diese falsche Datierung schärft hier den Kontrast zwischen der Ferien- und Feierstimmung und dem Kriegsbeginn. Diese „Nach-Sarajevo“-Zeit wird dann aber beschrieben mit „Es war eine Zeit von drückend schwüler Stimmung“.213

In Friedrich Meineckes Erinnerungen tritt im Sommer 1914 ein „ernster, politisch bewölkter“ Himmel auf, abweichend vom narrativen Mainstream vor der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni.214

Der Atomphysiker Otto Hahn beendet in seiner Autobiografie „Mein Leben“ das Vorkriegskapitel mit der Erinnerung an ein Fest bei der Bayer AG im März 1914: „Das Fest in Leverkusen im Frühjahr 1914 war fast ein Symbol für die Stärke und den Reichtum eines im tiefsten Frieden leben Deutschen Reiches. Es konnte aber schon nicht mehr die drohenden Wolken verdecken, die sich über Mitteleuropa zusammenbrauten.“215

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