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Traumsommer und Kriegsgewitter

Die politische Bedeutung des schönen Sommers 1914

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Matthias Bode

Im kollektiven Gedächtnis sind die Julikrise 1914 und das Augusterlebnis mit Sonne, Hitze und Ferienglück verbunden. Auf einen Traumsommer sei der Krieg wie ein Gewitter gefolgt. Basierend auf meteorologischen Daten, zeitgenössischen Quellen sowie retrospektiven Deutungen zeigt der Autor das Verhältnis zwischen Topos und Realität auf. Das Wettergeschehen während der Julikrise kann zwar mit dem „reinigenden Gewitter" durchaus in Einklang gebracht werden, aber erst das Sommerwetter im August hat die euphorische Herausstellung des „Augusterlebnisses" nachhaltig unterstützt. Die retrospektive Deutung von „Traumsommer" und „Kriegsgewitter" bildet so die Grundlage, argumentativ die schicksalsergebene Unschuld gegenüber einer Naturkatastrophe zu betonen. Der Autor untersucht, wie sich Strategien der Rechtfertigung und der Schuldzuweisung am Umgang mit dem Topos nachweisen lassen.

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8. Historisierung der Meteorologie

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8.  Historisierung der Meteorologie

8.1  Abschied von der Naturalisierung

Man sollte meinen, dass die Hochschätzung des Sommernarrativs bis in die 60er Jahre mit der publizistischen Aktivität der Erlebnisgeneration zusammenhing und nach ihrem Ausscheiden aus dem öffentlichen Leben im Rückgang begriffen war. Dies ist jedoch nicht in dem Maße der Fall, wie man erwarten könnte. Zwar wird die schwülstige Dichte von Publikationen wie EPOCA gemieden, aber Kernbestandteile der Erzählung von Traumsommer und Kriegsgewitter lassen sich noch heute unschwer ausmachen. Offenbar hat der schöne Sommer 1914 seinen Platz im kollektiven Gedächtnis der Nation behauptet. Die Frage ist nur, warum und in welcher Form dies der Fall ist.

Aus Anlass des hundertjährigen Jahrestages sendete 3sat einen Film über den Beginn des Krieges unter dem Titel „Europas letzter Sommer“. „In diesem Sommer scheint die Sonne in Europa zum letzten Mal für viele Jahre“, wusste der Sender werbend zu berichten.701 Im „SPIEGEL Geschichte“ über den Ersten Weltkrieg wurde das Sommernarrativ 2013 über das ganze Heft verteilt. Der Bildunterschrift „Der letzte Sommer des alten Europa endete am 1. August“ folgte dort die Metapher vom reinigenden Gewitter, die der Historiker und Weltkriegsspezialist Sönke Neitzel im Interview, allerdings nüchtern-distanzierend, erwähnte, und auch das Attentat von Sarajevo kam nicht ohne anspielungsreiche Wetterberichte aus: „Die Gewitter sind schon am Vorabend abgezogen, der Himmel strahlt in einem satten Sorglosblau“; die „Sonne brennt, ein heißer Sommertag. […] Noch...

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