Show Less
Restricted access

Traumsommer und Kriegsgewitter

Die politische Bedeutung des schönen Sommers 1914

Series:

Matthias Bode

Im kollektiven Gedächtnis sind die Julikrise 1914 und das Augusterlebnis mit Sonne, Hitze und Ferienglück verbunden. Auf einen Traumsommer sei der Krieg wie ein Gewitter gefolgt. Basierend auf meteorologischen Daten, zeitgenössischen Quellen sowie retrospektiven Deutungen zeigt der Autor das Verhältnis zwischen Topos und Realität auf. Das Wettergeschehen während der Julikrise kann zwar mit dem „reinigenden Gewitter" durchaus in Einklang gebracht werden, aber erst das Sommerwetter im August hat die euphorische Herausstellung des „Augusterlebnisses" nachhaltig unterstützt. Die retrospektive Deutung von „Traumsommer" und „Kriegsgewitter" bildet so die Grundlage, argumentativ die schicksalsergebene Unschuld gegenüber einer Naturkatastrophe zu betonen. Der Autor untersucht, wie sich Strategien der Rechtfertigung und der Schuldzuweisung am Umgang mit dem Topos nachweisen lassen.

Show Summary Details
Restricted access

10. Vergleiche: Vom Wirken des Gewitters im Sommer

Extract

← 260 | 261 →

10.  Vergleiche: Vom Wirken des Gewitters im Sommer

Wie gezeigt wurde, bestand eine wichtige Funktion des Sommernarrativs darin, Deutschland als vom Krieg überrascht hinzustellen und damit vom Vorwurf der Kriegsschuld zu entlasten. Wie eng Überraschung und die Behauptung von Unschuld zusammenhängen, lässt sich vergeichsweise an Großbritannien im Ersten Weltkrieg, am Beginn des Zweiten Weltkriegs und letztlich an solchen Autoren zeigen, die das Sommernarrativ, abweichend von der Mehrheit der zeitgenössischen Autorenschaft, ignorierten oder ausdrücklich ablehnten.

10.1  Großbritannien

Der Schriftsteller George Orwell schrieb 1948, im Alter jenseits des vierten Lebensjahrzehnts rückten einem Ereignisse näher, die in ähnlich grauer Vorzeit wie Kettenhemden und Keuschheitsgürtel lägen. Die beiden Weltkriege, so Orwell, erhöben sich wie Bergketten zwischen seiner Gegenwart und der Welt vor 1914, so dass autobiografisches Schreiben unvermeidlich zu einem antiquarischen, nostalgischen Unterfangen werden müsse. Zwar sei es keineswegs reaktionär, sich an den „golden summer of 1914“ zu erinnern, aber letztlich sinn- und aussichtslos: „[T]he world might conceivably be pushed back to the pattern of 1938, there can be no more question of restoring the Edwardian age than of reviving Albingensianism.“ Von dieser Warte aus kritisierte Orwell Osbert Sitwells Autobiografie „Great Morning“, deren Verfasser die Vorkriegszeit überschwänglich gelobt und vom Wetter sowie dem Gefühl ewigen Frühlings geschrieben hatte. Orwell erkannte nur an, dass Sitwell seine Oberschichtenperspektive offen gelegt hatte.792

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.