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Proust und der Krieg

Die wiedergefundene Zeit von 1914

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Edited By Uta Felten, Kristin Mlynek-Theil and Kerstin Küchler

Proust ist ein genauer Archäologe der diskursiven und sensoriellen Spuren des Krieges, die er in seinem Romanwerk zu einem polyvalenten Rhizom montiert, das sich eindeutigen Zuweisungen willentlich entzieht. Vergeblich sucht man nach direkten Frontberichten des Ersten Weltkrieges oder Bildern zerstückelter Körper auf seinen Schlachtfeldern. Die in diesem Band versammelten Beiträge lesen den letzten Band des Proust’schen Romanwerks À la recherche du temps perdu als vielstimmige Archäologie des Ersten Weltkrieges, die aus einer epistemologischen, intermedialen, philologischen und erkenntnistheoretischen Perspektive analysiert wird.

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Angelika Corbineau-Hoffmann - Militarismus und Memoria: Die Figur des Robert de Saint-Loup

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Angelika Corbineau-Hoffmann

Militarismus und Memoria: Die Figur des Robert de Saint-Loup

Im Gedenkjahr gleich zweier Weltkriege – vor hundert Jahren begann der Erste, vor fünfundsiebzig der Zweite, den die Franzosen so hoffnungsvoll wie optimistisch als ‚seconde guerre mondiale‘ bezeichnen – treten die Verbindungen zwischen der Geschichte der Künste und der Realhistorie mit besonderer Prägnanz ins öffentliche Bewusstsein. Vor allem der Erste Weltkrieg brachte seitens derer, die als Soldaten an ihm teilnahmen, eine Fülle von literarischen und bildkünstlerischen Werken hervor, welche die traumatischen, mit den tradierten Kunstmitteln nur schwer zu gestaltenden Erfahrungen thematisierten und psychisch zu verarbeiten suchten. Im Hinblick auf die existentielle Wucht der Kriegserlebnisse, wie sie z.B. bei August Stramm, Otto Dix, Henri Barbusse oder Erich Maria Remarque zum Ausdruck kommt, dürfte Prousts À la recherche du temps perdu einem Vergleich kaum standhalten; und doch zeigt auch dieses Werk, zeitumspannendes Erinnerungspanorama der 1914 gewaltsam zu Ende gehenden Belle Époque, in Genese und Thematik einschneidende Spuren des Ersten Weltkrieges.1 Geschrieben zum größten Teil während dieser Zeit, endet der Roman auf der narrativen Ebene mit der Darstellung des Krieges in Paris und dessen Folgen für die ‚gute‘ Gesellschaft – was anschließend noch folgt, sind nur wenige Reflexionen des Pro-tagonisten über den Druck der Zeit und den drohenden Tod, aus denen schließlich der Entschluss zum Schreiben des Romans hervorgeht.

Obschon in der Recherche die Thematik des Todes2 nicht auf die Kriegszeit und deren unmittelbare Folgen beschr...

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