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Der Erste Weltkrieg in der australischen Geschichtskultur

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Fabian Münch

Der Autor untersucht die übergeordnete Rolle, die der Erste Weltkrieg in der «kurzen» Geschichte Australiens spielt. Dieser Krieg und der in seiner Folge entstandene Anzac-Mythos besitzen seit der Landung australischer Truppen auf der Gallipoli-Halbinsel am 25. April 1915 eine herausgehobene Stellung im Geschichtsbewusstsein vieler Australierinnen und Australier. Das Buch zeigt auf, wie sich dies in der Geschichtskultur des Landes manifestiert hat. Der Autor analysiert den diachronen Wandel der Objektivationen des Geschichtsbewusstseins (beispielsweise Gedenktage, Denkmale oder Filme) und ermöglicht so ein besseres Verständnis der Geschichte und Kultur Australiens.
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4. Der Anzac-Mythos

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4.  Der Anzac-Mythos

4.1   Zum Begriff des historisch-politischen Mythos

In Australien hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch und in den Schulgeschichtsbüchern für die dominante mythische Narration, die aus den Ereignissen des Ersten Weltkrieges hervorging, der Begriff der „Anzac legend“ durchgesetzt. In der australischen Geschichtswissenschaft herrscht hingegen Uneinigkeit darüber, ob es sich um einen „myth“ oder eine „legend“ handelt. Während David Kent für den Begriff der „legend“ argumentiert1, bevorzugen Peter Cochrane und Joan Beaumont einen „Mittelweg“, d. h. eine Legende mit mythischen Elementen.2 Da es sich beim Anzac-Mythos eindeutig um einen historisch-politischen Mythos handelt, ist es notwendig, den Begriff zu klären.

Roland Barthes definiert den Mythos als „eine Aussage [,] […] ein Mitteilungssystem, eine Botschaft“3. Der Mythos entsteht immer als ein Produkt der Geschichte, unabhängig davon, wie weit diese zurückliegt, „denn nur die menschliche Geschichte lässt das Wirkliche in den Stand der Aussage übergehen, und sie allein bestimmt über Leben und Tod der mythischen Sprache.“ Träger der mythischen Aussage kann grundsätzlich jede Form ← 109 | 110 → der oralen, geschriebenen oder visuellen Aussage sein, so dass sämtliche geschichtskulturelle Objektivationen eingeschlossen sind.

Aus dem Verständnis der Semiologie als Wissenschaft von den Formen und den Werten, die „Bedeutungen unabhängig von ihrem Gehalt untersucht“ und das Faktum „als etwas Geltendes“ definiert und erforscht, verstand Barthes den Mythos als semiologisches System.4 Bei einem Mythos handelt es sich jedoch um ein „sekundäres semiologisches System“5, da er...

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