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Kontroversen im Werdegang wissenschaftlichen Wissens

Wie in der früheren Geschwulstforschung darum gestritten wurde, was ein «Krebsvirus» ist

Karlheinz Lüdtke

An einem der Geschichte der Krebsforschung entnommenen Fall wird untersucht, wie sich Wissensentwicklung zum Wandel sozialer Formen des Forscherverkehrs verhält und welche Rolle dabei wissenschaftliche Kontroversen spielen: Sie zersetzen nicht allein überkommene Paradigmen, sondern überdies die gegebenen sozialen Gliederungen und schaffen so Bedingungen für den Wandel derselben (Disziplinen, Institutionen). Dieser Ansatz erlaubt die Abwehr eines Konzeptes, wonach die Schließung einer Kontroverse auf die Favorisierung einer der strittigen Positionen hinausläuft. Ein solcher Prozess wird von Forschern eingeleitet, die das Verhältnis gegeneinander vertretener Konzepte zu harmonisieren trachten, ohne dabei auf eine transdisziplinäre bzw. theoretisch schlüssige Vermittlungsbasis zu verweisen.

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2. Ein Überblick zur Entdeckungsgeschichte des „Geschwulstvirus“

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Die Entdeckungsgeschichte zum so genannten Tumorvirus (Geschwulst-, Krebsvirus) und die in dieser Geschichte ausgetragenen Kontroversen werden bis zu den 1950er Jahren verfolgt, womit jedoch keine lückenlose Darstellung ihres Verlaufes beansprucht wird. Lediglich einige der Entdeckungen krebsbildender Agenzien werden berücksichtigt, die für die Entwicklung dieser Forschungsrichtung von Bedeutung waren, wobei ich an Studien zu diesem Thema anknüpfen kann, die ich bereits vor einigen Jahren betrieben habe.109 Betrachtet werden vor allem Auseinandersetzungen, die ausbrachen, nachdem zu Beginn des vorigen Jahrhunderts bei der Erforschung von Ursachen der Tumorbildung ein Geschwülste hervorbringender Stoff entdeckt worden war, der, wie die Entdecker behaupteten, von Krebszellen abgetrennt werden konnte. Auf diesen Stoff waren einige Forscher zu einer Zeit gestoßen, als man die Ursache der Krebsbildung noch in etwas Zellartigem vermutete. Geschwülste konnte man, wie sich immer wieder gezeigt hatte, von Organismus zu Organismus übertragen: Die Verpflanzung tumorbelasteten Gewebes rief bei einem weiteren Organismus eine Geschwulst hervor, woraus wiederum Material gewonnen werden konnte, das bei einem neuen Organismus zur Ausbildung einer Geschwulst verhalf usf., ohne dass man deshalb einer Grenze näher kam, hinter der sich Tumoren nicht mehr übertragen ließen.

Dass eine Geschwulst in beliebig langen Versuchsreihen weiter übertragbar blieb, ohne dass sich das aufbrauchte, was sie verursachte, wo sich doch die Tumorbildung bereits mit äußerst dünnem und sehr wenig Geschwulstsaft in Gang setzen ließ, förderte das Bedürfnis nach einer näheren Bestimmung dessen, was zu einer Krebserkrankung führt. U.a....

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