Show Less
Restricted access

Das Melodramatische als Vertonungsstrategie

Robert Schumanns Balladen op. 106 und op. 122

Series:

Esther Dubke

Wie der Erstdruck vermerkt, vertonte Robert Schumann im Jahr 1849 die Ballade „Schön Hedwig" op. 106 „für Declamation mit Begleitung des Pianoforte". Unter derselben Besetzungsangabe wurden drei Jahre später die „Ballade von Haideknaben" und „Die Flüchtlinge" op. 122 publiziert. Die Autorin untersucht die zeitgenössischen positiven Äußerungen zu Schumanns Werken, die in einem Umfeld der grundsätzlichen Ablehnung des Melodrams markant hervortreten. Sie zeigt, wie vor allem die Konzertmelodramen tiefgreifende Einblicke in seine Musik- und Gattungsästhetik ermöglichen: Mit dem Melodramatischen als Vertonungsstrategie betrat der Komponist – trotz einer über siebzigjährigen Gattungstradition – musikalisch neues Terrain.

Show Summary Details
Restricted access

1. Das Melodram in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Ein „Genre von unerquicklichster Gemischtheit“

Extract

← 8 | 9 →

1.    Das Melodram in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Ein „Genre von unerquicklichster Gemischtheit“

„Das eigentliche Melodrama ist jetzt gänzlich aus der Mode gekommen, und dies mit Recht. Sein Wesen lässt sich vor dem Richterstuhl der Aesthetik nicht rechtfertigen. Es ist weder das Eine, noch das Andere ganz, weder Schauspiel noch Oper, es fehlt ihm die höhere künstlerische Einheit. Zu sehr der Musik bedürfend, um als blosses Schauspiel mit Musik gelten zu können, mangelt ihm wieder die innige Verschmelzung des Wortes mit dem Ton, welche durch den Gesang erreicht wird. In grösserer Ausdehnung wird die Menge der Musikfetzen darin unerträglich.“1

Drei Jahre nach der Absage an das Melodram als ein „Genre von unerquicklichster Gemischtheit“2 in Oper und Drama fiel die Bilanz Franz Brendels nicht minder vernichtend als die Richard Wagners aus. Die einhellige Aburteilung der Gattung überrascht zunächst wenig – sind beide doch dem gleichen „Richterstuhl der Aesthetik“ verpflichtet. Aber auch eine weitläufige Umschau in den Rezeptionszeugnissen des mittleren 19. Jahrhunderts zeichnet für das Melodram als eine „im allgemeinen ästhetisch verwerfliche Zwittergattung“3 oder – unter offensiver Negation eines Gattungsanspruchs – als „Zwitterding“4 eine gleichermaßen ablehnende Haltung. In der Diskussion über die Verwendung melodramatischer Gestaltungsmittel nahm der Diskurs über die Vereinbarkeit der beiden Ausdrucksebenen Musik und Text dabei auch abseits des Wagner’schen Gesamtkunstwerkes die zentrale Position ein und stellt sich so grundsätzlich als Knotenpunkt der ästhetischen Auseinandersetzung dar. Der...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.