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«Die Zauberflöte» und das «Populare»

Eine kleine Mediologie der Unterhaltungskunst

Ralph Köhnen

Das Libretto der «Zauberflöte» bildet ein komplexes Netzwerk aufklärerischer Diskurse. Themen wie Humanität, Freimaurerei, ägyptische Mythologie, die Französische Revolution, künstlerische Raffinesse, Liebe sowie Formen der Herrschaft unterzieht der Autor einer mediologischen Analyse. Anhand der Oper stellt er den Beginn der kommerziellen Unterhaltungskunst dar und präsentiert die Strategien des Theaterunternehmers Schikaneder, den Publikumsgeschmack zu erobern und eine raffinierte Ästhetik der Illusionsbildung zu betreiben. So zeigt dieses Buch, dass das Erfolgsgeheimnis der Oper darin besteht, ein Hybrid aus Elementen des ‚Populären’, wie Mozart es bezeichnete, und der Hochkultur zu formen.

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Schikaneders Welt und Mozarts Beitrag

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Auch wenn das Wiener Modell der erfindungsreichen Maschinenkomödie mit extemporierendem Sprachgestus und improvisierender Haltung sich lange gegen das (nord-) deutsche Modell des gesitteten, anspruchsvollen, moralisierenden, also aufgeklärten Stücks hält (Müller-Kampel 1996, 47), kann es sich mit der Formenvielfalt der komödienangelagerten Gattungen des Wiener Unterhaltungsbetriebs nicht messen. Dass Österreich und Deutschland in Fragen von Katholizismus und Protestantismus, Weltstaatentum und Kleinstaaterei, Aufklärung von Kaisers Gnaden und Selbstverantwortlichkeit in kleinen Zirkeln sehr verschiedene politische Positionen einnehmen, wirkt sich auch auf die Theaterwelt aus, wenn Entscheidungen über die Bühnenausstattung und Stückauswahl ebenso zu treffen sind wie über die ökonomische Einrichtung der Spielstätte. Zwar haben Schikaneder und andere Theaterimpresarios immer wieder (und oft erfolgreich) beim Kaiser Barzuschüsse beantragt und Mäzene angefragt, entscheidend aber bleibt die Umstellung auf einen hauptsächlich selbstfinanzierten Betrieb im Sinne der modernen Unterhaltungsindustrie.

Nur selten wird darauf hingewiesen, dass Schikaneder, aus einfachen Verhältnissen stammend, Zögling einer Jesuitenschule war und sich dort wie andere Schüler als Darsteller betätigte – denn auch wenn er sich von den Glaubensinhalten verabschiedete, bleibt der Einfluss durch das Imaginarium der Jesuiten mit ihrem Marienkult und ihrer opulenten Bilderfreude lebenslang haften, ja wären auch seine schauspielerischen Obsessionen sonst kaum denkbar gewesen (vgl. Baur 2012, 40). Von szenischer Wandlungsfreudigkeit und schönster Illusionstechnik ist die Religionsdidaktik der Jesuiten geprägt, die in ihren Gebäuden bereits Mitte des 17. Jahr←39 | 40→hunderts Flugwerke einsetzen (vgl. Hadamowsky 1994, 91...

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