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«Die Zauberflöte» und das «Populare»

Eine kleine Mediologie der Unterhaltungskunst

Ralph Köhnen

Das Libretto der «Zauberflöte» bildet ein komplexes Netzwerk aufklärerischer Diskurse. Themen wie Humanität, Freimaurerei, ägyptische Mythologie, die Französische Revolution, künstlerische Raffinesse, Liebe sowie Formen der Herrschaft unterzieht der Autor einer mediologischen Analyse. Anhand der Oper stellt er den Beginn der kommerziellen Unterhaltungskunst dar und präsentiert die Strategien des Theaterunternehmers Schikaneder, den Publikumsgeschmack zu erobern und eine raffinierte Ästhetik der Illusionsbildung zu betreiben. So zeigt dieses Buch, dass das Erfolgsgeheimnis der Oper darin besteht, ein Hybrid aus Elementen des ‚Populären’, wie Mozart es bezeichnete, und der Hochkultur zu formen.

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Mythologie als Spielfeld / Bricolage

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Traumlandschaften bieten nicht nur die Märchenwelten, sondern auch die mythologischen Themen, deren Aussageebenen dem Märchen angelagert sind und auf der Bühne auch Lokalitäten in höchst eklektischer Weise zusammenbringen. So wie Hans Blumenberg (1979) gezeigt hat, dass Mythen erratische Kerne besitzen, aber nie aus Fundamentalkonstanten, sondern immer nur aus Überlieferungen und historischer Wandlungsarbeit bestehen, lässt sich bei der Zauberflöte wie schon beim Idomeneo das Doppelgesicht von Tradition und Neuakzentuierung erkennen. Hier wie dort werden biblische, heidnische und volksliterarische Mythenelemente miteinander synthetisiert, woran zu zeigen ist: Mythen sind keine unabänderlichen Fakten, vielmehr bedient man sich zu Zeiten einer fortgeschrittenen Aufklärung mit souverän-spielerischem Gestus aus ihrem Fundus. Die Blätterstruktur, die durch Kombination der übereinandergelegten Mytheme entsteht und von Lévi-Strauss (1958) als eigenständige mythische Denkleistung der Bricolage bezeichnet worden ist, nimmt hier eine deutliche Wendung ins Populäre. Denn auch wenn Mythen aus einem vorzeitlichen Denkraum stammen, werden sie im fortgeschrittenen 18. Jahrhundert alles andere als zeitenfern behandelt: Malerei, Bildungsroman und Bürgerliches Trauerspiel, aber auch die reformierte Oper verbreiten ein neues Denken, das auf vielen Äußerungsebenen von Mythologemen bzw. mythischen Narratemen durchzogen ist und die Bausteine des Glaubens so zusammensetzt, wie man sie für die Erweiterung des gedachten und des praktizierten Lebenshorizontes benötigt. Freie Wahl und Selberdenken sind die Leitmaximen auch der mythologischen Arbeit, was weniger für die Opera seria gilt, die eher zu repetitiven Anwendungen neigte, hingegen unbedingt für Literatur, Philo←71...

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