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«Die Zauberflöte» und das «Populare»

Eine kleine Mediologie der Unterhaltungskunst

Ralph Köhnen

Das Libretto der «Zauberflöte» bildet ein komplexes Netzwerk aufklärerischer Diskurse. Themen wie Humanität, Freimaurerei, ägyptische Mythologie, die Französische Revolution, künstlerische Raffinesse, Liebe sowie Formen der Herrschaft unterzieht der Autor einer mediologischen Analyse. Anhand der Oper stellt er den Beginn der kommerziellen Unterhaltungskunst dar und präsentiert die Strategien des Theaterunternehmers Schikaneder, den Publikumsgeschmack zu erobern und eine raffinierte Ästhetik der Illusionsbildung zu betreiben. So zeigt dieses Buch, dass das Erfolgsgeheimnis der Oper darin besteht, ein Hybrid aus Elementen des ‚Populären’, wie Mozart es bezeichnete, und der Hochkultur zu formen.

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Ausblick: Lässt sich Kunsterfolg berechnen?

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Im Horizont einer neuen Ökonomie wandelt sich der Wahrscheinlichkeitsbegriff: Er erweitert sich vom Alltagsgemäßen zu einem Konzept eines Wunderbar-Imaginären, das die Wirklichkeit transzendiert und Wahrscheinlichkeit im höheren Sinn einer künstlerischen Illusionsbildung bedenkt. Dies entspricht nicht nur einer allgemeinen Aufwertung der Einbildungskraft um 1770 als ästhetisches Vermögen, sondern auch einer ökonomischen Erfolgswahrscheinlichkeit, mit der der Autor, Komponist oder Kunstunternehmer kalkulieren muss. Die Überlegungen zur Vielfalt der Prätexte und ihrer Variation sowie zum gesellschaftlichen Standort des Kunstbetriebs in Wien zeigen, wie intensiv beide Verfasser mit ihrer Angebotsvielfalt bzw. Produktdiversifikation gute Anschluss- und Rezeptionspotenziale bieten. Und damit lassen sich auch dekonstruktive Lektüren verbinden, die gegen alle Bruchtheorien und ästhetischen Anklagen etwas Grundsätzliches erweisen: Die Spaltungen und Störungen, widersprüchlichen Charakteranlagen und Risse im ideologischen Gewerk des Freimaurertums zerstören nicht etwa, sondern retten den Text der Zauberflöte und machen aus ihr eine semiotische Pastiche, die Spielraum zum Denken und nach wie vor Anlässe für Diskussionen bietet.

Dies betrifft zum einen die Politik. Die Positionsbildung zumindest bei Mozart im Sinne der Revolutionsideale hat sich seit dem Idomeneo angebahnt, und auch wenn Schikaneder weniger menschheitlich, sondern eher subjektiv-unternehmerisch dachte, lassen sich hier Übereinstimmungen finden. Man muss die Zauberflöte nicht zum Jakobinerstück erklären, um doch im lieto fine die sozialutopischen Nuancen sehen zu können – mit Aspekten von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit sind sie deutlich artikuliert und mit den←95 | 96→ Begriffen von Natur, Weisheit und...

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